Projekt:1990er

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Die 1990er, zwischen dem Fall der Mauer und dem Jahrtausendwechsel.
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Musikströmungen

Brit-Pop, Grunge, Hamburger Schule, Riot Grrrl, Shoegazing, Stonerrock, Techno, Trip Hop, Hip Hop

Grunge, Crossover und andere Rock-Neuerungen

Die popmusikalische Entwicklung Deutschlands im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurde durch mehrere weitreichende Umwälzungen geprägt. Zuerst kam die neue Mode des Grunge via Nirvana und Pearl Jam ab 1992 auch in Deutschland an, was auch bei deutschen Plattenfirmen ein Umdenken in Bezug auf die kommerzielle Verwertbarkeit von Indie-Musik bewirkte. Die deutschen Epigonen wie Selig, Gum oder Nationalgalerie konnten ihren amerikanischen Vorläufern zwar nicht das (Verkaufszahlen-)Wasser reichen, waren jedoch präsent genug, um zumindest in Maßen auf das deutsche Rock-Selbstverständnis einzuwirken. Der andere große Trend der frühen Neunziger, der von den Red Hot Chili Peppers, Rage Against the Machine und Faith No More geprägte Crossover aus Funk, Rap und Rock/Metal, animierte auch hierzulande viele Nachwuchsmusiker zu Bandgründungen – ob man in dreißig Jahren allerdings ebenso respektvoll von H-Blockx, Guano Apes oder gar Mr. Ed Jumps the Gun sprechen wird, wird sich erst noch zeigen... Der Hardcore-Punk aus New York, Chicago und Boston wurde in Deutschland durch die Spermbirds, Ryker's und zahlreiche kleinere Bands übernommen, die zumeist jedoch nicht auf Deutsch sangen. Die Stonerrock-Vorbilder Kyuss und Monster Magnet wurden gerade in Deutschland besonders gefeiert und traten eine kleine Welle von hiesigen Stonerbands los, zu denen sich unter anderem Sissies und (mit Abstrichen) Smoke Blow zählen lassen. Rockmusik aus Skandinavien zählte ebenfalls zu den Importschlagern der 90er, so dass Gruppen der Marke Turbonegro, Millencollin, Hellacopters oder Gluecifer leichtes Spiel mit dem Aufbau von Fanbases in Deutschland hatten.

Nirvana

Nirvana sind mit Sicherheit der wichtigste Beitrag Amerikas zur Popkultur der 90er. Obwohl sich Nirvana auf Independent-Ethik, die Pixies und Punk Rock beriefen wurden sie – auch dank des pin-up-Status von Sänger Kurt Cobain – mit offenen Armen von der Masse aufgenommen. „Smells Like Teen Spirit“ öffnete alle Kanäle für „härtere“ Musik, im guten wie im schlechten. Die Folge war die Grunge-Explosion und in ihren Nachwehen das Entstehen von Alternative Rock, MTV-taugliche Gitarrenbretter, ja selbst Nickelback muss man Cobain auf die Fahnen schreiben. Cobain selbst, von seinen Dämonen verfolgt und der berühmteste Heroinsüchtige der Dekade, erschoss sich selbst und zementierte damit ungewollt auf ewig seinen Status als Außenseiter, der doch von der ganzen Welt umarmt wurde. Das Testament Nirvanas ist in allen All-Time-Charts nachzulesen: keine beste Alben Liste die ohne Nevermind auskäme, keine besten Singles bei denen "Smells Like Teen Spirit" fehlte.

Red Hot Chili Peppers

Ursprünglich von Punk beeinflusst traten die Red Hot Chili Peppers eine lange Reise an, die sie nun zu millionenschweren elder statesmen des Rock gemacht hat. In den 90er Jahren war ihre Verbindung aus Punk und Funk mit einer der Auslöser der – damals so genannten – Crossover-Welle. „Give It Away“ und das dazugehörige, zwölfmillionenfach verkaufte Blood Sugar Sex Magik – Album war dabei das entscheidende Werk. Auch der spätere Nu-Metal-Sound, der sich aus dem Crossover entwickelte, gründete – neben den ebenfalls enorm einflussreichen Rage Against The Machine – auf der Rock/Punk-Funk-Mischung der Kalifornier. Nach der Rückkehr von John Frusciante, der aufgrund seiner Heroinsucht ausgestiegen war, entwickelte sich ein harmonielastiger Sound, der vor allem von Frusciantes Gitarrenspiel und seinen backing vocals lebt. Der Erfolg gab den Red Hot Chili Peppers recht: vor allem Californication verkaufte sich 1999 millionenfach – auch die beiden Folgealben, obwohl mehr oder minder Kopien des Erfolgswerks, fanden Massen von Käufern.

Kyuss

Die 1989 in Palm Desert gegründete Band gilt heute als die Referenzband des Genres Stonerrock und zugleich als Urzelle einer musikalischen Szene in der kalifornischen Wüste, die Jahre später mit der Speerspitze der Queens of the Stone Age weltweit kommerziell erfolgreich wurde. Da Kyuss sich auf der Höhe ihrer Schaffensphase (1995) auflösten, konnte sich ein regelrechter Kult um die Band entwickeln. So wurde z.B. das 2002er Album der Briten Orange Goblin mit einem riesigen Aufkleber beworben, der auf Kyuss-Beteiligung hinwies.

Blur

Richtig begann Blurs Karriere an ihrem Tiefpunkt – bankrott, zerstritten, erfolglos, musste die Band bereits nach ihrem ersten Album fürchten, gescheitert zu sein. Die Antwort fand Damon Albarn in einem antizyklischen Verhalten: während die ganze Welt ihren Blick nach Amerika richtete und Nirvana bei der Grunge-Explosion und der eigenen Destruktion zusah, rief Albarn die neue englishness aus und berief sich bewusst auf die reiche Tradition der britischen Popmusik, von The Kinks über Bowie hin zur Punkexplosion der End70er. „Modern Life Is Rubbish“ markierte den Beginn der sogenannten Life-Trilogie und den Moment, in dem Blur zu einer kulturellen Macht wurden, zu einem Sprachrohr, einem Wegbereiter für unzählige nachfolgende Bands. Das darauffolgende Album „Parklife“ war „Modern Life Is Rubbish“ in perfekt und pop mit all dem Selbstvertrauen, das aus Hitsingles wie „Girls & Boys“ oder dem Titelsong erwuchs. Eineinhalb Millionen verkaufte Platten später und mit Freundin Justine Frischmann von Elastica das first couple of brit-pop war Albarn auf der Höhe seines Ruhms, das in dem berüchtigten Chart-Showdown mit Oasis kulminierte, als weder Gallagher noch Albarn zurückstecken wollte. Blur gewannen mit "Country House" diese Schlacht, verloren den Brit-Pop-Krieg ob der übermächtigen Größe von (What’s The Story) Morning Glory und waren letztenendes doch die Sieger, weil sie sich vom Schlachtfeld zurückzogen und fortan nicht mehr den von ihnen selbst begründeten Brit-Pop mehr fabrizierten, sondern in jedem Album wieder ihren Willen zur kontinuierlichen Neuerfindung unter Beibehaltung von Hits, Hits, Hits bewiesen.

  • Album: Modern Life Is Rubbish, Parklife, Blur
  • Songs: Popscene, For Tomorrow, Girls & Boys, Parklife, Country House, Beetlebum, Song 2
  • Weiterhören: Suede, Pulp, The Libertines, Kaiser Chiefs

Green Day

Drei Jungs aus Berkeley, Kalifornien, schafften es beinahe eigenhändig Punk zu einem der kommerziell erfolgreichsten Musikgenres der 90er zu machen. Die Nachwehen des Punk-Revivals der Mitt-90er um Green Day, The Offspring, Rancid oder Bad Religion sind heute noch alle zehn Minuten auf MTV zu sehen. 20 Millionen verkaufte Alben des Durchbruchs „Dookie“ und 13 Millionen des Nachfolgers „Insomniac“ waren Zahlen von denen die von Green Day verehrten Punkurväter The Clash und Ramones nur träumen konnten. Musikalisch war dabei insbesondere „Dookie“ ohne Zweifel herausragend: es kombinierte Elemente des klassischen UK-Punks von The Clash über die Buzzcocks zu den Stiff Little Fingers mit der Geschichte des (einfachen) Punksounds Amerikas, der vor allem auf den Ramones und ihren vielen Epigonen fußte. Songs wie „Basket Case“ und „When I Come Around“ dominierten das Jahr 1994 und ein prägender Auftritt bei dem Woodstock-Revival-Festival, der in Blut, Schlamm und Ausschreitungen endete, verschaffte Green Day endgültig den Zugang zu Amerikas Rock-Mythologie. Nach einigen eher ruhigen Jahren waren Green Day exakt 10 Jahre nach ihrem Durchbruch mit – dem Widerspruch in sich – eines Punk- Konzept-Albums wieder die größte Rockband der Welt: Das 2004er Album „American Idiot“ erreichte Platz 1 auf beiden Seiten des Atlantik und insbesondere die klare Kritik an der US-amerikanischen Politik wie Gesellschaft wurde Green Day hoch angerechnet, da in den Jahren zuvor die meisten der jüngeren US-Indie-Bands zu Politik schwiegen.

  • Album: Dookie, Kerplunk!
  • Songs: Welcome To Paradies, Basket Case, When I Come Around, Time Of Your Life
  • Weiterhören: The Offspring, Blink 182

Oasis

Musikalisch originell mögen Oasis vielleicht nicht einmal zu ihrer Hochzeit gewesen sein, doch wie wohl keine andere Band der letzten 20 Jahre mit Ausnahme von Nirvana verschmolzen sie für einen kurzen Augenblick 1994-1996 Kredibilität, kommerziellen Erfolg und Unantastbarkeit. Von der Veröffentlichung des schnellstverkauften Debütalbums aller Zeiten in England über die beiden Welterfolge „Wonderwall“ und „Don’t Look Back In Anger“, den größten Freiluftkonzerten Europas aller Zeiten in Knebworth hin zum Release des dritten Albums „Be Here Now“ waren Oasis eine unaufhaltsam wachsende Band, die in England eine Bedeutung erreichte, wie seit den großen Vorbildern The Beatles niemand mehr. Musikalisch gemeinsam mit den leidenschaftlich gehassten Blur die Speerspitze des Brit-Pop und stark beeinflusst von The Beatles, The Who, Paul Weller, Sex Pistols und den Stone Roses erschütterten Oasis 1994 zunächst England, spätestens aber mit dem zweiten Album (What’s The Story) Morning Glory die Welt. Be Here Now, das später heftig kritisierte Drittwerk ist bis zum heutigen Tag das Album mit den höchsten Erstwochenverkäufen der britischen Musikgeschichte – und das mit fast doppelt sovielen Einheiten wie das zweitplatzierte Album. Obwohl mit Be Here Now die Oasis-Blase platzte und die imperiale Phase vorbei war, zeigt der Andrang auf dieses dritte Album, wie unauslöschlich Oasis durch ihre ersten beiden Alben mit der Musik der Mitt-90er verbunden sind.

Jedes Oasis-Album erreichte bisher Platz 1 in England, acht (!) Singles waren auf dem Platz an der Sonne und selbst in den traditionell für britische Indiemusik schwierigen Märkten USA und Deutschland gelang der Band mit Morning Glory und Be Here Now Top-5-Platzierungen. In der Retrospektive hat insbesondere Definitely Maybe den Test der Zeit bestanden und gilt heute – wie viele Alltimecharts zeigen – als eines der wichtigsten Alben der britischen Musikgeschichte. (What’s The Story) Morning Glory mit seinen 19 Millionen verkauften Exemplaren und den ewigen Gassenhauern „Wonderwall“ und „Don’t Look Back In Anger“ steht dem künstlerisch nur wenig nach.

  • Album: Definitely Maybe, (What’s The Story) Morning Glory
  • Songs: Supersonic, Live Forever, Some Might Say, Wonderwall, Don’t Look Back In Anger
  • Weiterhören: Ocean Colour Scene, The Verve, Coldplay, Travis

Pavement

Der Inbegriff des US-Indie-Rock der 90er war Pavement. Neben Sebadoh und den früheren Dinosaur Jr. gilt die Band um Stephen Malkmus als Wahrzeichen des klassisch verstandenen Indie-Rocks. Nachdem das stark von The Fall beeinflusste Debütalbum „Slanted & Enchanted“ bereits in den Musikredaktionen weltweit für Aufsehen sorgte, war es das deutlich melodiösere Drittwerk „Crooked Rain, Crooked Rain“ mit seinen „Hits“ „Cut Your Hair“ und „Range Life“, das Pavement einer größeren Anzahl Hörern bekannt machte. Trotzdem waren Pavement, da weder der simpleren Herangehensweise von Punk-Revival-Bands wie Green Day noch der Leise-Laut-Dynamik der Grunge-Ära verbunden, immer zu komplex um tatsächlich einen Durchbruch zur Masse zu schaffen, wozu auch Malkmus’ faszinierende stream-of-consciousness-Lyrics beitrugen – eine Tatsache, die die Band wohl auch klaglos akzeptierte. Selbst das Abschieds-Album „Terror Twilight“, bei dem Radiohead- und Travis-Produzent Nigel Godrich an den Reglern saß, war trotz eines mehr dem Pop zugewandten Soundkostüms immer noch zu sperrig, um genuine Single-Hits zu produzieren. So bleiben Pavement im Rückblick der Geheimtip der 90er Jahre, größer als viele der Indie-Rock-Bands Amerikas und doch unter dem Radar der Masse. Ihr Einfluss auf den komplexeren Indie-Rock ist dennoch nicht zu unterschätzen – ähnlich wie Sonic Youth oder Velvet Underground vor ihnen mag der kommerzielle Erfolg nicht überwältigend gewesen sein, doch steht außer Frage, dass die Ästhetik des Pavement-Sounds viele Band der Folgejahre beeinflusste und auf diese Weise typisch für das Indie-Rock-Genre der 90er wurde. Eine Tatsache, die beispielsweise durch die Platzierung von gleich zwei (!) Pavement-Alben in Top Pitchforks Top 100 Alben Liste der 90er untermauert wird.

  • Album: Slanted & Enchanted, Crooked Rain Crooked Rain
  • Songs: Summer Babe, Here, Range Life, Cut Your Hair, Stereo
  • Weiterhören: Sebadoh, Modest Mouse, Sonic Youth

Pulp

Suede und Blur markierten den Beginn der Brit-Pop-Ära und Oasis ihren kommerziellen Höhepunkt, doch Pulp waren ohne Frage eine der meist verehrten Bands des Königreichs. Obwohl Pulp schon 15 Jahre existierten, hielt der Erfolg erst mit dem 1994er Album „His’n’Hers“ langsam, 1995 dann mit „Different Class“ gewaltig Einzug. Obwohl nicht so sehr die Charts beherrschend wie Blur und Oasis wurde Jarvis Cocker einer der größten Popstars Englands. Beeinflusst von Roxy Music und David Bowie brachten Pulp Glam in die Brit-Pop-Gleichung ein. Herausragend an Pulp waren vor allem Jarvis Cocker Texte: scharfsinnige, sarkastische Analysen des britischen Alltags und seiner Bewohner, die später – auf This Is Hardcore – ins Düstere abglitten, als Cocker selbst mit dem überbordenden Ruhm nicht mehr zurecht kam. Entgegen vieler misslungener Post-Ruhm-Alben ist „This Is Hardcore“ und insbesondere der Titeltrack aber sogar einer der Höhepunkte in Pulps Schaffen. Im Rückblick ist es vor allem dessen Vorgängeralbum „Different Class“, das als Pulps Hauptwerk gilt, was insbesondere durch die fantastische Single-Reihenfolge „Common People“, „Mis-Shapes“ (beide Platz 2 in den UK-Charts) und „Disco 2000“ bekräftigt wurde. „Common People“ kann dabei als einer der besten und wichtigsten Songs gelten, die Brit-Pop hervorgebracht hat: sicherlich auf einer Stufe mit Blurs „Girls & Boys“ und „Parklife“ oder Oasis’ „Live Forever“.

Hamburger Schule und Indie aus der Provinz

Vielleicht den größten Eindruck innerhalb der deutschsprachigen Rockmusik hinterließ die 90er-Generation der oben genannten Hamburger Schule, deren Protagonisten Die Sterne, Tocotronic und Blumfeld im Vergleich zum Mainstream zwar nur bescheidene kommerzielle Erfolge einfahren konnten, künstlerisch aber bewiesen, dass intelligente deutschsprachige Rockmusik kein Ding der Unmöglichkeit war. Im bayerischen Weilheim erwuchs ein kreatives Zentrum, das seine stilistischen Wurzeln in Hardcore, Indie- bzw. Noiserock, Jazz und Experimentellem hatten und deren Protagonisten Notwist (inklusive sämtlicher Projekte der Brüder Markus und Micha Acher) und die Labels Kollaps und Hausmusik zu den innovativsten Zentren deutschen Indiemusik gehörten. In Ostwestfalen blühte ebenfalls eine kleine Indierock-Kolonie um u.a. Locust Fudge, Speed Niggs und Hip Young Things auf, die mit Weilheim in regem Kontakt stand und sich zumeist dem Schrammelrock von Dinosaur Jr und Neil Young verschrieben hatte. Schließlich sorgte das kleine Label BluNoise aus Troisdorf bei Bonn unter der Ägide von Guido Lucas ab 1995 dafür, dass der amerikanische Noiserock von Vorbildern wie Helmet, Unsane und Shellac auch in Deutschland ein Auslassventil fand. Gruppen wie Harmful, Blackmail oder ULMe definierten diesen deutschen Noise-Sound mit, während Surrogat (aus Berlin) und Pendikel (aus Osnabrück) Noiserock auch mit deutschen Texten kombinierten.

Blumfeld

Blumfeld sind nahezu der Inbegriff der sogenannten Hamburger Schule. Die Band um Jochen Distelmeyer war fast eigenhändig dafür verantwortlich, deutschsprachige Texte in der Indie-Musik wieder möglich zu machen. Musikalisch stand der US-amerikanische Indie-Rock von Sonic Youth wie der britische Post-Punk von The Fall Pate, doch was Blumfeld wirklich zu einer der bedeutendsten deutschen Bands aller Zeiten machte, war ihr Umgang mit der deutschen Sprache. Am deutlichsten wird das in Blumfelds Hauptwerk L’Etat Et Moi, das in einer wahren Referenzhölle Liebe, die Gesellschaft und den Staat in Worte fassen konnte, wie wohl seit Peter Heins Fehlfarben Tagen niemand mehr. Neben den beiden Indie-Rock-Meisterwerken „Ich-Maschine“ und „L’Etat Et Moi“ gelang Blumfeld – nach längerem writer’s block – mit „Old Nobody“ die große Überraschung: ein mit Elektronikelementen durchsetzten Popalbum, das auf eine ganz andere Art – aber eben schon wieder – stilprägend für die kommenden Jahre Indiedeutschlands sein würde. Obwohl bei Blumfeld beinahe die Gefahr besteht, dass die Brillanz der Texte die Stärke der Musik verdrängen, lohnt es sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass ausgerechnet „L’Etat Et Moi“, das textlastigste Werk Distelmeyers, 1995 in offensichtlicher Textunkenntnis in die britischen NME-Jahrescharts gewählt wurde!

Tocotronic

Neben Blumfeld und den Sternen sind Tocotronic die Band, die am meisten mit dem Hamburger Schule Begriff assoziiert wird. Im Gegensatz zu den schwerer entschlüsselbaren Texten von Jochen Distelmeyer waren Dirk von Lowtzows Lyrics eine extreme Sloganhaftigkeit, Griffigkeit zu eigen, was insbesondere die Rebellion des Adoleszenz spiegelte und eine Schnoddrigkeit im positiven Sinne besaß. Texte wie „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ oder der Backgammon- und Fahrradfahrer dissende Text von „Freiburg“ stehen exemplarisch für die frühen Tocotronic. Zum Dekadenwechsel entwickelten sich Tocotronic jedoch sowohl textlich wie musikalisch weg von ihrem frühen Werk und boten ab K.O.O.K., noch mehr aber bei den beiden folgenden Alben, vielschichtige, komplexe Sounds und von Lowtzows Lyrics waren bis auf wenige Ausnahmen („Aber hier leben nein danke“) meilenweit von dem frühen Sloganeering entfernt.

Das Verdienst Tocotronics ist vor allem der deutschen Sprache eine Unkompliziertheit geschenkt zu haben, die trotz allem intelligent klang. In „Über Sex kann man nur auf englisch singen“ besprechen sie dieses Thema sogar selbst und zeigen eben doch, dass sehr wohl alle Themen in deutscher Sprache im Pop behandelt werden können, ohne dass Simplizität Einzug hält. Der Einfluß der frühen Tocotronic auf die deutsche Indie-Rock-Szene ist kaum zu unterschätzen und reicht von reinen Kopie-Bands wie Heinz Aus Wien, den frühen Sportfreunde Stiller bis hin zu jüngeren Hamburger Bands wie Tomte.

HipHop auf Deutsch

Auf die Pop- und Jugendkultur bei weitem am meisten Einfluss hatte letztlich aber wohl der Durchbruch von Rap und HipHop in deutscher Sprache. Zwar hatte es schon Ende der 80er Jahre Formationen wie Advanced Chemistry gegeben, die auf deutsch Statements zur Lage der Nation rappten, doch war es das Stuttgarter Mittelklassen-Quartett Die Fantastischen Vier, welche mit dem Pop-Rap-Megahit Die da!?! deutschen Sprechgesang in die Charts und das Bewusstsein der Jugend brachten. Ihnen folgten zahllose weitere Rap-Acts, wobei die Neunziger in erster Linie von einer bürgerlichen bis alternativen Rap-Community dominiert wurden, welche mit Combos wie Fischmob, Absolute Beginner, Fünf Sterne Deluxe, Blumentopf oder Kinderzimmer Productions einen intelligent-ironischen bis humorvoll-cool-kiffenden Zugang zu HipHop pflegte. Zwar gab es auch hier schon den hässlichen Gegenentwurf in Form des Rödelheim Hartreim Projekts oder Ferris MC bzw. oberflächliche Pop-Rapper wie Der Wolf oder Die Basis, doch sollte es dem folgenden Jahrzehnt vorbehalten bleiben, die US-Gangsta-Stereotype des "kriminellen Luden-MCs mit Migrationshintergrund" auf die deutsche Szene zu übertragen. Die Aufgabe des Dissens (in beiderseitigem Sinn) in der harmonischen, sich auch in den Charts nicht die Butter vom Brot nehmenden HipHop-Kultur der Neunziger fiel einstweilen der Hardcore-Fraktion mit STF, Stieber Twins oder DJ Stylewarz zu.

Neue Deutsche Härte

Die Besinnung auf die eigene deutsche Sprache in der Rock- und Popmusik musste allerdings nicht zwangsläufig in intelligenten, wohlbefeilten Texten und musikalischen Arrangements münden. Es war die ostdeutsche Gruppe Rammstein, die mit ihrem 1995 veröffentlichten Debütalbum die Tür zu einem Genre aufstieß, die für manche vielleicht lieber geschlossen geblieben wäre, nämlich der so genannnten Neuen Deutschen Härte. Darunter zu verstehen war – wie durch Rammstein prototypisch vorgemacht – ein an Metal und Industrial geschulter, stakkatohafter Gitarrensound, ergänzt durch Keyboardeinsprengsel und einen passend stampfenden Beat sowie "abgerundet" durch ein rrrrrrollendes R im Gesang. Die Bühnenshow und allgemeine Ästhetik orientierte sich teilweise offen an faschistischer bzw. totalitärer Ästhetik (inklusive martialischer Inszenierung von muskulösen Männerkörpern, Lichteffekten und Bühnenbild), so dass zumal in der heißen Phase des Genres heftige Diskussionen über die vermeintlich rechte Gesinnung der Protagonisten entbrannte. Während diese Bedenken im Falle Rammstein im Laufe der Zeit ausgeräumt werden konnten (u.a. veröffentlichte die Band selbst ein Lied mit dem Refrain "...und mein Herz schlägt links, zwo, drei, vier"), blieben andere Vertreter wie Richthofen, Preussen Elektra und vor allem Weissglut mehr oder weniger in der völkischen Ecke hängen, ohne dagegen groß Widerstand zu leisten. Neben den auch im Ausland unglaublich erfolgreichen Rammstein blieben jedoch nur wenige Protagonisten des Genres nach dessen kurzer Hochphase Ende der 90er Jahre übrig.

Techno und andere Elektro-Genres

Jenseits der handgemachten Musik startete mit Techno indes ein Genre durch, das seinen Ursprung sowohl in Detroit als auch in heimischen Landen hatte. Kraftwerk hatten Computerbeats und -ästhetik bereits in den Siebzigern salonfähig gemacht, doch erst nach dem Fall der Berliner Mauer entwickelte sich Techno mit all seinen Unterarten zu einer Massenbewegung, deren Exponens Love Parade zum Symbol des breitenwirksamen kommerziellen Erfolgs des Genres wurde. Neben Pionieren wie Westbam und Sven Väth stiegen jedoch auch "Happy Hardcore"-Truppen wie Scooter zu Superstars auf, die auch heute noch unverdrossen das Bumm-Bumm-Feeling unter die Massen bringen. Ebenfalls nicht unterschlagen werden darf der in den frühen Neunzigern extrem erfolgreiche Trend des Euro-Dance, bei dem – oftmals deutsche – Produzenten Acts mit weiblichem Gesang, männlichen Raps und simpel-tanzbaren Rhythmen kombinierten. Snap!, DJ Bobo und Captain Jack sind nur einige der Beispiele für diesen Sound, der den Mainstream innerhalb der elektronischen Musik der Neunziger mit definierte, in Indiekreisen allerdings auch heute noch für Grusel sorgt. In langsameren (und Indie-affineren) Gefilden wie TripHop und Downbeat eiferten Acts wie De-Phazz nicht ohne Resonanz den zumeist britischen Vorbildern wie Massive Attack und Portishead nach.

The Prodigy

Enstanden aus einer cleveren Rave-Band gab es einen Moment, als die Songs von The Prodigy ihrer Zeit um Jahre voraus schien. Ihr Singles-Doppelschlag 1996 mit „Firestarter“ und „Breathe“ war zu jener Zeit unfassbar: hier schien eine Band aus dem Dance-Bereich kommend alles zu vereinen, was Indie und Punk in den letzten 20 Jahren einmal erreicht hatten. Das dazugehörige Album „The Fat of the Land“ wurde Nummer 1 auf beiden Seiten des Atlantik, The Prodigy spielten mit Oasis bei den berühmten Knebworth-Konzerten und es benötigte 7 verdammte Jahre bis Prodigy-Mastermind Liam Howlett es wieder fertig brachte, Songs zu schreiben, die einer Veröffentlichung wert schienen. Die Zeit hatte Prodigy eingeholt. Doch das Jahr 1996 gehörte The Prodigy.

  • Album: Music for the Jilted Generation, The Fat of the Land
  • Songs: Out of Space, No Good, Firestarter, Breathe, Smack My Bitch Up
  • Weiterhören: Chemical Brothers, Fatboy Slim

Rolle des deutschsprachigen Musikfernsehens

Generell nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Entwicklunge der deutschen Musikszene hatte die Öffnung des ersten deutschsprachigen Musikfernsehkanals Viva Anfang 1994. Zunächst noch als "MTV für Arme" belächelt, konnte der Sender innerhalb weniger Jahre zu einer Größe werden, die MTV dazu zwang, mit einem eigenen deutschsprachigen Programm zu reagieren. 1995 ging Viva Zwei auf Sendung, das gerade für die Indie-Szene enorme Bedeutung entwickeln sollte, da hier erstmals mit innovativen Formaten und einem großteils auf alternative Musik ausgerichteten Programm gearbeitet wurde. Zudem brachten die Sender – wie auch das deutsche MTV mit u.a. Christian Ulmen – spätere Fernseh- und Filmprominenz wie Stefan Raab, Charlotte Roche, Niels Ruf oder Heike Makatsch hervor. Auch der Spartensender onyx.tv verdient Erwähnung, da sich hier bis zu seiner Einstellung 2004 ebenfalls diverse Formate für Nischen-Musikrichtungen fanden.

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