Gottfried Michael Koenig

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Gottfried Michael Koenig (*1926 in Magdeburg) ist ein deutscher Komponist im Bereich der elektroakustischen Musik Musik und einer der Wegbereiter der Elektronischen Musik.

Hintergrund

Koenig hat Kirchenmusik in Braunschweig, Komposition, Klavier, Musikanalyse und Akustik in Detmold, Computertechnik in Bonn sowie musisch-technische Gestaltung an der Musikhochschule Köln studiert. Außerdem hat er an den Darmstädter Ferienkursen teilgenommen und später auch als Dozent in diesem Rahmen gearbeitet. 1954 bis 1964 hat er in Köln im Studio für Elektronische Musik gearbeitet. Zusammenarbeiten gab es mit György Ligeti, Karlheinz Stockhausen, Mauricio Kagel und vielen anderen Komponisten, außerdem hat er Lehraufträge an der Uni Köln (Komposition, Analyse und Elektronische Musik) abgehalten und wurde weltweit für Vorträge eingeladen. Seit Mitte der 1960er Jahre lehrte er in Utrecht und Berlin (Sonologie und Programmiersprachen). Seine gesammelten Schriften wurden von 1991 bis 2007 unter dem Titel Ästhetische Praxis. Texte zur Musik herausgegeben.[1] Gottfried Michael Koenig ist Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Elektroakustische Musik. Für sein Schaffen wurde er mehrfach ausgezeichnet, so mit dem Giga-Hertz-Preis für Elektronische Musik des Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, ZKM als Hauptpreis für sein Lebenswerk (2010).[2]

„... mir geht es so, dass ich mich beim Komponieren eigentlich als Komponist fühle und nicht als Hörer [...] ich meine, es gibt Komponisten, die komponieren auf den Hörer hin [...] Ich wollte nicht nochmal dasselbe Stück, aber so wie dieses Stück nur anders. Und das ist letzten Endes das, was ein Komponist macht, man will auch Musik machen, aber nicht so, wie die Musik, die es schon gibt [...] man will es auf eine andere Weise machen.“[3]

Zur Kompositionsweise

Gottfried Michael Koenig vertritt die Ansicht, dass algorithmische Komposition hinsichtlich der Aufgabe einer fortschreitenden Rationalisierung des Kompositionsprozesses zu definieren ist.[4] Die Idee von „Musik als Bausteinkasten aus Steinchen, die man mosaikhaft wieder zusammensetzt“[5] bestimmt dabei Koenigs kompositorisches Denken, das sich mit der Zeit von Tonwertrelationen zu Einsatzzeiten und Zeitwertrelationen, von Tonhöhen zu Intervallen, entwickelt hat.[6] Seine Haltung zur Seriellen Musik:

„Ich suchte eigentlich nicht nach [...] einer Befreiung aus Fesseln, so habe ich das nicht empfunden, ich versuchte, herauszukriegen, ob ein System, das zunächst wie ein Zwangssystem aussieht und vielleicht auch von vielen Leuten so gesehen wird und empfunden wurde [...] nicht Freiheiten hat in sich selber, die man aufsuchen muss und letzten Endes soll ja nicht die Reihe systematisch sein, sondern ein Stück, das man daraus komponiert.“[7]

Zum Begriff der Komposition im Allgemeinen: „... man kann nicht einfach machen was man will, dann kommt eine wildgewordene Phantasie dabei heraus, aber keine Komposition, die einen Anspruch auf diesen Begriff erheben kann.“[8] Aufgabe des Komponisten sei es, die Abfolgen und Übergänge (Problembereiche) zwischen statischen Feldern auszukomponieren, „ganz und gar den Charakter des statischen Zustands verlassen will ich nicht ...“.[9] „Als Komponist lege ich zunächst eine Sammlung von Zuständen an, dann werden die Übergänge komponiert.“[10]

Zum Zufall: Der Zufall wird durch konsequente Anwendung des Wiederholungsverbots hinsichtlich eines möglichst vollständigen Tonvorrats erreicht. Gebots- und Verbotsvorschriften sind dabei gleichermaßen zu berücksichtigen und eine Frage der Perspektive.[11] „Der Zufall zeigt sich immer waagerecht.“[12]

Algorithmische Komposition: Der emotionale Gehalt von Musik sei algorithmisch kaum zu fassen. Die algorithmische Komposition betreffe eher „das Unregelmäßige, das Ausbrechen aus irgendwelchen geregelten Zusammenhängen.“[13] Koenigs Vorstellung von algorithmischer Komposition setzt eine weitgehende Auseinandersetzung mit und Anwendung von algorithmischen Verfahren voraus, musikalische Praxis, die dem nicht entspricht, nennt er „algorithmisch im Vorfeld“.[14]

Musik übersteigt den Klang, einzeln wahrnehmbare Elemente sollen „in einen musiksprachlichen Zusammenhang gebracht werden“.[15] Beschreibende Kategorien sind „das Statische, das Blockhafte, das Sprunghafte, das Fließende, das Gleitende ... [sowie] ... die mehr dynamisch bestimmten Abläufe.“[16] Musik selbst versteht er als „begriffslose Sprache“ und „ein Spiel mit Beziehungen“.[17]

Projekt 1, Projekt 2, SSP

Seit 1964 entwickelt Koenig Projekt 1 als neutrale Instanz zum Testen von seriellen Kompositionsregeln, seit 1966 Projekt 2 und seit 1971 schließlich SSP für Klanggestaltung, ebenfalls auf stochastischer Grundlage.[18] Was Computermusik betrifft, handelt es sich um den Nachweis, „... dass selbst ein sinnloser, wesenloser Apparat, wie ein Computer das ist, die Komposition übernehmen kann, weil der Komponist an [...] der Stelle des Computers eigentlich in dem Augenblick auch nichts anderes gemacht hätte.“[19] Algorithmen sollen dem Komponisten eine Möglichkeit bieten, seine Phantasie mit Strukturvorstellungen, wie sie für die serielle Theorie typisch sind, zu versöhnen.

Projekt 2 generiert über eine Maskensteuerung (Tendenzmaske, G. M. Koenig) „Überlagerungen rhythmisierter Akkordfolgen bis hin zur Akkordfolgenpolyphonie“.[20] Akkorde werden zerlegt und als Anlauf zum nächsten Einsatzpunkt ausgestaltet.[21] Strukturvarianten können im Ergebnis aus einer Partiturtabelle ausgelesen oder als MIDI-Datei abgespielt werden. Grundlegend ist dabei das sogenannte Liste – Tabelle – Ensemble-Prinzip.[22] Beabsichtigt sind Entwürfe, die ästhetisch zum modernen Leben passen.

Musik

Gottfried Michael Koenig – Funktion Grün (1967, für Tonband)

Trivia

Terminus II / Funktion Grün von 1967 hat Eingang in die 1998er The-Wire-Liste The Wire's "100 Records That Set the World on Fire (While No One Was Listening)" gefunden.

Diskografie

Elektronische Musik

  • Klangfiguren I, 1955
  • Klangfiguren II, 1955/56
  • ", 2000 digitale Rekonstruktion
  • Essay 1957/58
  • ", 1999, digitale Neufassung
  • ", 1999, digitale Rekonstruktion
  • Materialien zu einem Ballett, 1961
  • Suite (aus „Materialien ...“), 1961
  • Terminus 1, 1962
  • ", 1998, digitale Rekonstruktion
  • Terminus 2, 1966/67
  • ", 1998, digitale Rekonstruktion
  • Terminus X, 1967
  • Funktion Grün, 1967
  • Funktion Gelb, 1968
  • Funktion Orange, 1968
  • Funktion Rot, 1968
  • Funktion Blau, 1969
  • Funktion Indigo, 1969
  • Funktion Violett, 1969
  • Funktion Grau, 1969
  • Output, 1979
  • Polychromie, 2001

„Instrumentalkompositionen“

  • Konzert für Cembalo, Streichorchester und zwei Flöten, 1948/49
  • Horae, 3 Ballettszenen, 1950
  • Konzert für Flöte und Kammerorchester, 1951
  • Fantasie für Orchester, 1951/52
  • Konzert für Kammerorchester, 1952
  • Zwei Orchesterstücke, 1952
  • Komposition für 26 Instrumente, 1953
  • Diagonalen für Orchester, 1955
  • Zwei Klavierstücke, 1957
  • Quintett für Holzbläser, 1958/59
  • Streichquartett 1959, 1959
  • Orchesterstück 1, 1960/61
  • Orchesterstück 2, 1961/62
  • Orchesterstück 3, 1963
  • Projekt 1 - Version 1 für kleines Orchester, 1965/66
  • Projekt 1 - Version 3 für kleines Orchester, 1967
  • Übung für Klavier, 1969/70
  • Segmente 1-7 für Klavier, 1982
  • Segmente 99-105 für Violine und Klavier, 1982
  • 3 ASKO Stücke für kleines Orchester, 1982
  • Segmente 92-98 für Violine und Cello, 1983
  • Segmente 85-91 für Flöte(n), Bassklarinette, Cello, 1984
  • Beitrag für Orchester, 1985/86
  • Intermezzo (Segmente 85-91) für Flöte(n), Klarinette(n), Klavier, 1987
  • Streichquartett 1987, 1987/88
  • Concerti e Corali für Orchester, 1992
  • 60 Blätter für Streichtrio, 1992
  • Das A und das O für Sopran, Alt, Harfe, Cello, 1993
  • Per Flauti für 2 Flöten, 1997
  • Varianten 1 für Klarinette, Streichtrio und Klavier, 2011
  • Varianten 2 für Orchester, 2011
  • Klavierbuch

Siehe auch

Elektroakustische Musik, Serielle Musik, Postserielle Musik, Computermusik, Elektronische Musik, Algorithmische Komposition, Spektralmusik, Texturalismus, Schillinger-System, Komposition, Musikalisches Werk.

Literatur

  • Ulrich Dibelius: Gottfried Michael Koenig, in: Moderne Musik nach 1945. Piper, München 1998
  • Stefan Fricke (Hrsg.), Gottfried Michael Koenig. Parameter und Protokolle seiner Musik. Pfau-Verlag, Saarbrücken 2004
  • Björn Gottstein: Gottfried Michael Koenig. Die Logik der Maschine, in: Musik als Ars scientia. Pfau-Verlag, Saarbrücken 2006 (inkl. CD).
  • Heinz-Klaus Metzger (Hrsg.): Gottfried Michael Koenig (Musik-Konzepte; Bd. 66). Edition text + kritik, München 1989
  • Ursula Stürzbecher: [Gottfried Michael Koenig], in: Werkstattgespräche mit Komponisten. Dtv, München 1973

Einzelnachweise

  1. Ästhetische Praxis. Texte zur Musik. [1] beim Pfau-Verlag
  2. Lebenslauf [2] bei koenigproject.nl
  3. Gottfried Michael Koenig – LV am 22. November 2002 [3] ab min. 1:01:08, dabei spielt aber auch die Frage eine Rolle, wie das Material dem Hörer, dem Publikum, „am sinnfälligsten“ vorgeführt werden kann, ders.: LV am 10. Dezember 2002 [4] ab min. 34:06 bei der TU Berlin
  4. Definition AK: LV 8. November 2002 [5] ab min. 4:10
  5. Musik als Bausteinkasten: LV am 31. Januar 2003 [6] ab min. 1:25:53
  6. Tonwertrelationen zu Einsatzabstände: LV am 22. November 2002 [7] ab min. 12:50
  7. Serielle Musik: LV am 22. November 2002 [8] ab min. 43:05
  8. Begriff der Komposition: LV vom 10. Dezember 2002 [9] ab min. 4:25
  9. Aufgabe des Komponisten: LV vom 31. Januar 2003 [10] ab min. 1:20:24
  10. Zustände und Übergänge: LV am 11. Februar 2003 [11] bei min. 1:16:00
  11. Aleatorik / Zufall: LV am 29. November 2002 [12] ab min. 7:04
  12. Zufall waagerecht: LV am 07. Februar 2003 [13] bei min. 1:14:00
  13. AK: LV am 07. Februar 2003 [14] bei 1:24:13
  14. Algorithmisch im Vorfeld: LV am 11. Februar 2003 [15] bei min. 57:00
  15. Musik und Klang, Rolle des Komponisten: LV am 29. November 2002 [16] ab min. 11:40
  16. Beschreibende Kategorien: LV vom 31. Januar 2003 [17] ab min. 1:30:22
  17. Musik: LV vom 31. Januar 2003 [18], bei min. 23:13
  18. Projekt 1: LV am 29. November 2002 [19], Reiter: Projekt 1, Projekt 2, SSP. Zum Download steht zur Zeit nur Projekt 1 zur Verfügung, Systemvoraussetzung: Windows XP, SSP soll demnächst upgedated zur Verfügung stehen. Weitere Projektversionen stehen in Aussicht.
  19. Computermusik: LV am 10. Dezember 2002 [20] ab min. 2:00 bei der TU Berlin
  20. Akkordfolgenpolyphonie: LV am 11. Februar 2003 [21] ab min. 15:46
  21. Akkorde zerlegen: LV am 17. Januar 2003 [22] ab min. 21.15
  22. Liste – Tabelle – Ensemble: LV am 14. Januar 2003 [23] bei min. 27:54

Weblinks

  • Homepage [24] bei koenigproject.nl
  • Gottfried Michael Koenig: Masterclass (2011) [25] 10:58 min. bei Youtube
  • Algorithmische Komposition [26] Vorlesungsreihe an der TU Berlin 2002/2003, MP3s
  • Gottfried Michael Koenig – Terminus II (1967) [27] bei Youtube
  • Artikel Studio für elektronische Musik (Köln) [28] ergänzende Angaben zu Koenigs musikalischen Vorstellungen bei der de.wiki
  • Karlheinz Essl – Zufall und Notwendigkeit (1989) [29] Anmerkungen zu Gottfried Michael Koenigs Streichquartett 1959 bei essl.at
  • Otto LaskeAlgorithmic Composition with Project One: An Introduction to Score Synthesis (2003) [30] Computer Music Journal, MIT Press 1981, bei ottolaske.com
  • Profil [31] bei Discogs
  • Artikel Gottfried Michael Koenig [32] bei der de.wiki
  • Artikel Darmstädter Ferienkurse [33] bei der de.wiki
  • Praxisbeispiel eines elektroakustischen Arrangements mit Unterstützung von Projekt 1: LV vom 20. Dezember 2002 [34] ab 1:19:50 bei der TU Berlin
  • Transitwelt (Müll Records) – 12 tone aleatory for algorithmic piano stream, 7 measures looped (2014, 50 Jahre Projekt 1) [35] bei Soundcloud

Links im Juli 2017.