Dirk Budde: Unterschied zwischen den Versionen

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== Musikalische Sozialisation ==
 
== Musikalische Sozialisation ==
  
Als ich gerade fünfte Klasse aufs Gymnasium kam, haben sich „Mitschüler“ über mich lustig gemacht, weil ich nicht wusste, wie die erste Genesis hieß. Das hat nicht nur die Fronten für den Rest der Schulzeit da geklärt, sondern auch meine Stimmung für Wochen negativ beeinträchtigt. Dann waren sie auch noch in der Überzahl und umzingelten mich gewaltbereit. Mit das Schlechteste, was einem als Kind passieren kann, ist, eine Brille zu tragen. Zu der Zeit hatte ich gerade [[Roxy Music]] und die Vorläufer des [[Punk]] gehört, [[Kraftwerk]], [[Syd Barrett]] und ein wenig [[Psychedelic]] der Post-[[1968#Reihe 50 Jahre 68 bei der Indiepedia (2018)|68er]], seltener [[Klassik]] und [[Jazz]], und konnte mich weder gegen die Vorwürfe wehren, noch eine objektive Einschätzung der Situation abliefern. „Gestern“ ist mir die Situation wieder eingefallen. Die, die wussten, wie die erste Genesis hieß, waren eindeutig die Cooleren, ich der Ausgestoßene ... Und heute? Geschichte ist schon ungerecht. Die Situation ist immer noch die gleiche. So recht ich auch zu haben meine, habe ich doch grad für mich selber recht. [[Musikgeschichte|Wahrheit]] aber ist, was gewesen ist. Tommi von Säkhö Records war es, glaube ich, soll gesagt haben, dass meine letzte Platte von 2017 nicht verkauft werden kann, weil man so etwas vielleicht in zwanzig Jahren hören könne. Tatsächlich liegt sie wie Blei in den Regalen ... Aber jede Wette, dass die, die mir damals die Schulzeit vermiest haben, auch heute noch Genesis hören. Die erste 100 Records, die inzwischen Liebhaberpreise über dem Durchschnitt erzielt, habe ich nach Veröffentlichung als Ölverschwendung etikettiert und entsorgt, um den Restbestand nicht ständig mit umziehen zu müssen. Die gleichen, die damals Genesis gehört haben, haben sich später wochenlang über Filme, wie – wie hieß der noch? – Garp und wie er die Welt sah kaputtgelacht, während ich mich mit Buñuels Chien Andalou herumplagen musste. Heute sind sie Professoren an Universitäten, wo anstelle von Gewalt Hinterlist gelehrt wird, oder stehen als Barkeeper in den angesagtesten Kneipen hinterm Tresen, ohne die Musik auch nur ansatzweise zu teilen. Zuhause warten Frau und Kind, während ich mit meinem Tiger (siehe Diskussion) auf Hartz IV sitze.
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Als ich gerade fünfte Klasse aufs Gymnasium kam, haben sich „Mitschüler“ über mich lustig gemacht, weil ich nicht wusste, wie die erste Genesis hieß. Das hat nicht nur die Fronten für den Rest der Schulzeit da geklärt, sondern auch meine Stimmung für Wochen negativ beeinträchtigt. Dann waren sie auch noch in der Überzahl und umzingelten mich gewaltbereit. Mit das Schlechteste, was einem als Kind passieren kann, ist, eine Brille zu tragen. Zu der Zeit hatte ich gerade [[Roxy Music]] und die Vorläufer des [[Punk]] gehört, [[Kraftwerk]], [[Syd Barrett]] und ein wenig [[Psychedelic]] der Post-[[1968#Reihe 50 Jahre 68 bei der Indiepedia (2018)|68er]], seltener [[Klassik]] und [[Jazz]], und konnte mich weder gegen die Vorwürfe wehren, noch eine objektive Einschätzung der Situation abliefern. „Gestern“ ist mir die Situation wieder eingefallen. Die, die wussten, wie die erste Genesis hieß, waren eindeutig die Cooleren, ich der Ausgestoßene ... Und heute? Geschichte ist schon ungerecht. Die Situation ist immer noch die gleiche. So recht ich auch zu haben meine, habe ich doch grad für mich selber recht. [[Musikgeschichte|Wahrheit]] aber ist, was gewesen ist. Tommi von Säkhö Records war es, glaube ich, soll gesagt haben, dass meine letzte Platte von 2017 nicht verkauft werden kann, weil man so etwas vielleicht in zwanzig Jahren hören könne. Tatsächlich liegt sie wie Blei in den Regalen ... Aber jede Wette, dass die, die mir damals die Schulzeit vermiest haben, auch heute noch Genesis hören. Die erste 100 Records, die inzwischen Liebhaberpreise über dem Durchschnitt erzielt, habe ich nach Veröffentlichung als Ölverschwendung etikettiert und entsorgt, um den Restbestand nicht ständig mit umziehen zu müssen. Die gleichen, die damals Genesis gehört haben, haben sich später wochenlang über Filme, wie – wie hieß der noch? – Garp und wie er die Welt sah kaputtgelacht, während ich mich mit Buñuels Chien Andalou herumplagen musste. Heute sind sie Professoren an Universitäten, wo anstelle von Gewalt Hinterlist gelehrt wird, oder stehen als Barkeeper in den angesagtesten Kneipen hinterm Tresen, ohne die Musik auch nur ansatzweise zu teilen. Zuhause warten Frau und Kind, während ich mit meinem Tiger (siehe Diskussion) auf Hartz IV sitze. So und nicht anders geht Geschichte, also fangt schonmal an zu lachen.

Version vom 10. Oktober 2020, 09:43 Uhr

Geboren: 26. Mai 1972 (47 Jahre)

Dirk Budde (*1963) ist Autor und Musikwissenschaftler und macht als Mitzi "Yakuza" Mess bei Müll Records Musik. Schreibt unter anderem als UU-ji hier. Die Zeit ist der Ort und der Ort ist auch der Ort. Die Welt ist eine Maschine, das weiß jeder, aber nicht immer, weil meist etwas ganz anderes oder an etwas ganz anderes gedacht wird, das ist also eine Frequenz – mal ist sie eine Maschine und dann ist die Maschine wieder weg. Vorsicht und Plötzlichkeit sind Ereignisse in der Zeit, aber wo die Zeit der Ort ist, keine Angst! Alles Aufgezeichnete vernichten! Nur noch nebenbei aufnehmen. Wenn vom Jahnstadion her die Zuschauer beim Tor am Johlen sind und das tönt hier rüber, dann werden nun Drohnen eingesetzt, die den Schall von da nach hier bringen. Im Tempo und in der Übertragungsqualität macht das keinen Unterschied, aber jetzt sieht man sie!

Musikalische Sozialisation

Als ich gerade fünfte Klasse aufs Gymnasium kam, haben sich „Mitschüler“ über mich lustig gemacht, weil ich nicht wusste, wie die erste Genesis hieß. Das hat nicht nur die Fronten für den Rest der Schulzeit da geklärt, sondern auch meine Stimmung für Wochen negativ beeinträchtigt. Dann waren sie auch noch in der Überzahl und umzingelten mich gewaltbereit. Mit das Schlechteste, was einem als Kind passieren kann, ist, eine Brille zu tragen. Zu der Zeit hatte ich gerade Roxy Music und die Vorläufer des Punk gehört, Kraftwerk, Syd Barrett und ein wenig Psychedelic der Post-68er, seltener Klassik und Jazz, und konnte mich weder gegen die Vorwürfe wehren, noch eine objektive Einschätzung der Situation abliefern. „Gestern“ ist mir die Situation wieder eingefallen. Die, die wussten, wie die erste Genesis hieß, waren eindeutig die Cooleren, ich der Ausgestoßene ... Und heute? Geschichte ist schon ungerecht. Die Situation ist immer noch die gleiche. So recht ich auch zu haben meine, habe ich doch grad für mich selber recht. Wahrheit aber ist, was gewesen ist. Tommi von Säkhö Records war es, glaube ich, soll gesagt haben, dass meine letzte Platte von 2017 nicht verkauft werden kann, weil man so etwas vielleicht in zwanzig Jahren hören könne. Tatsächlich liegt sie wie Blei in den Regalen ... Aber jede Wette, dass die, die mir damals die Schulzeit vermiest haben, auch heute noch Genesis hören. Die erste 100 Records, die inzwischen Liebhaberpreise über dem Durchschnitt erzielt, habe ich nach Veröffentlichung als Ölverschwendung etikettiert und entsorgt, um den Restbestand nicht ständig mit umziehen zu müssen. Die gleichen, die damals Genesis gehört haben, haben sich später wochenlang über Filme, wie – wie hieß der noch? – Garp und wie er die Welt sah kaputtgelacht, während ich mich mit Buñuels Chien Andalou herumplagen musste. Heute sind sie Professoren an Universitäten, wo anstelle von Gewalt Hinterlist gelehrt wird, oder stehen als Barkeeper in den angesagtesten Kneipen hinterm Tresen, ohne die Musik auch nur ansatzweise zu teilen. Zuhause warten Frau und Kind, während ich mit meinem Tiger (siehe Diskussion) auf Hartz IV sitze. So und nicht anders geht Geschichte, also fangt schonmal an zu lachen.