Underground Resistance – X-101

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X-101 – Sonic Destroyer    X-101 – The Final Hour

Am 2. November 1989, kurz vor dem Fall der Mauer in Berlin und zum Ende des Kalten Krieges, wurde von Michael Anthony Banks und Jeff Mills das Detroiter Kultlabel Underground Resistance gegründet. Keine zwei Jahre später wurde als erstes Release des ebenso tonangebenden Berliner Labels Tresor Records eine Schallplatte veröffentlicht, die bis heute eine geradezu spirituelle Verehrung erfährt und in manchen Statements und Reviews als überirdisch und gar „engelsgleich“ oder aber „dämonenhaft“ rezipiert wurde.

Hintergrund

Unter der Leitung von Jeff Mills, zusammen mit Mike Banks und Robert Hood, der als Koproduzent fungierte[1], erschien 1991 Sonic Destroyer unter dem katalognummernartigen Label- / Actpseudonym X-101 bei Tresor von Underground Resistance lizenziert.[2] Wie nicht wenige Veröffentlichungen zu der Zeit, und besonders auch in Folge dieser Platte, ist die Sixtrack-EP von einer zutiefst beunruhigenden Stimmung getragen:

"On release in the UK many Dj's thought this sound was too aggressive at the time. In fact Pete Tong on Radio 1 turned down playing the EP on his radio show commenting at the time.. What Is This!! [...] How Times have changed……."[3]

"This is truly the techno soul in action, one of those few moments when you could feel the future in action. I would add that 'Rave New World' got me crying since its release : hypnotic, soulfull and sad."[4]

Für einige war die Platte geradezu eine religiöse Erfahrung und in der Tat gleichzusetzen mit den mystischen Meisterwerken der klassischen Musik, wie Mozarts Requiem oder Wagners Ring, oder aber nicht fern von Edgard Varèses Ionisation, ähnlich düstere Atmosphären können sich während des Hörens durchaus auch einstellen. Die Straightness der Arrangements und kompositorischen Umsetzung der Motive und Beats sowie der Dramaturgien der Stücke garantierten den Erfolg nicht nur auf den Tanzflächen, sondern insbesondere auch bei Kritikern und Dokumentatoren der Szene. Im Wikipedia Artikel zu UR sind Reaktionen auf Urheberstreitigkeiten zwischen UR und Sony verzeichnet, die einen ähnlichen Tenor vermuten lassen.[5] Die X-101 markierte den Beginn der Achse DetroitBerlin.

„Durch Kontakte in das wiedervereinte Berlin in Deutschland fanden UR eine Lobby für ihre Musik. Mit der ‚X-10x-Serie‛, die exklusiv auf Tresor Records veröffentlicht wurde, entstanden zeitlose Hymnen, die jahrelang kopiert und zitiert wurden.“[6]

Die X-101 war derart erfolgreich, dass in den folgenden zwei Jahren ebenfalls auf Tresor je ein weiteres Release veröffentlicht wurde. X-102 erschien als Explores the Rings of Saturn 1992 und X-103 1993 als Atlantis.

Mythos X-101

Wie viele andere Veröffentlichungen des Labels ist auch die X-101 ein psychedelischer Tripper, ein mystisches Erlebnis, wenn die entsprechende Offenheit für das Genre besteht. In Berlin war seit 1989 aufgrund des Mauerfalls, besonders der großflächigen Bauarbeiten in Berlin Mitte und eines kaum durchschaubaren Behördenapparates, der viele Spielräume in Form von ungewöhnlichen und spontanen Zusagen zu musikalischen und kulturellen Aktivitäten bot, eine Atmosphäre der Abgerissenheit und Wildheit entstanden. Die Großbaustellen in Mitte konnten bei situationistischen Dérives eine Verlorenheit erzeugen, die metaphorisch vielleicht als das Herumirren des biblischen Tiers oft in einer wie gesetzesfreien und „leeren“ Umgebung beschrieben werden kann. Der Rest der Schrott- und Aufbaulandschaft wurde durch illegale Technoparties auf Baustellen und an anderen ungewöhnlichen Locations bestritten. Der Spiral Tribe war mit seinen Parties das definitive Underground-Ding, Marathon-Livesets und Act- oder DJ-Battles keine Seltenheit. Die Welt, insbesondere die bürgerliche und geordnete, konnte besonders in Mitte langfristig erfolgreich ausgeblendet oder umfahren werden.

Underground Resistance trafen mit ihren Veröffentlichungen die Stimmung der Stadt, die Leerheit der „Baustelle Berlin“ korrespondierte stark mit den teils futuristischen Bestrebungen der Technoszene – die Veröffentlichungen von Underground Resistance gingen soweit, die Existenz der Welt manifest zu verleugnen, das mit Titeln wie Interstellar Fugitives, Galaxy To Galaxy oder Earth Doesn't Exist, die politischen Ambitionen des Kollektivs waren an Titeln wie Revolution For Change oder Riot abzulesen. Underground Resistance prägten das Image des militaristisch-anarchischen Space-Rebellen, eine autarke außerirdische Realität zum Übergang der Moderne in der Musik zum Posthistoire – der Musik nach dem Ende der Geschichte.

X-101 in Berlin nach dem Mauerfall

Die Signal- und Halogenwirkung der X-101 ist in ihrer Bedeutung als Dokument der Zeit nicht zu überschätzen. Prägend für die Zustände auf vielen Parties und in Clubs, in denen die Platte gespielt wurde, war auch der Verzicht auf Alkohol zugunsten der Einnahme von Speed und vor allem Ecstasy. Die psychischen Dimensionen, die Ecstasy im Zusammenhang mit Stadtbegehungen und Cluberlebnissen eröffnete, rafften die zeitlichen Rähmen und intensivierten das Kollektivgefühl. Underground Resistance verstanden sich als Kollektiv, der Spiral Tribe wie der Name schon sagt, gleich als Tribe.[7] Die Stadt- und Clublandschaft in Mitte förderte mystisch-psychedelische Erfahrungen, die kaum zehn Jahre später so nicht mehr denkbar waren. Spätestens zu Beginn des neuen Jahrhunderts wurde der zuvor allgegenwärtige Techno-Underground von einer Welle postmoderner und bürgerlicher Stadtlandschaften und einer starken Überformung auch der kulturellen Aktivitäten durch wirtschaftliche Interessen beiseitegespült oder aber absorbiert. Nischenhafte Clubkulturen folgten.

Musik

"The A-side features 'G-Force,' an experimental track comprised of a strange tone that sounds as if it's being pulled or stretched. It's not necessarily pleasant to listen to and is intended for creative DJs to work into their sets somehow. Of much more interest is the B-side, 'Sonic Destroyer,' a trademark Jeff Mills production circa 1991 composed of absolutely crushing 909 beats and high-pitched synth stabs looped siren-like. It's a monstrous track more likely to inspire pumping fists than dancing feet, an anthem for sure. The six-track release by Tresor -- released as X-101 rather than titled X-101 -- includes a few more songs, including 'Rave New World,' but is a bit more difficult to find, especially if you're in the States, where it's near impossible to find. Conversely, Underground Resistance kept this two-track EP in print for years. Plus, the UR release adds some fun formatting gimmicks: backward grooves that lock and secret etchings on the record's inner rim."

Jason Birchmeier[8]

Weitere UR-Tracks aus der X-10x – Reihe

  • X-101 – Rave New World [6] bei Dailymotion
  • X-102 – The Rings Of Saturn [7] der Saturn-Mythos bei Youtube
  • X-103 – Jupiter Jazz [8] Jupiter, Atlantis und andere Mythen bei Youtube

Rückblende

„Der Traum aller europäischen Techno-DJs in der Anfangszeit: einmal nach Detroit fahren und dort auflegen dürfen. Laurent Garniers Aufenthalt dort wird zur großen Enttäuschung; was er dort kennen lernt: Segregation, alles andere als Großzügigkeit der Location, man fährt auf geheimen Wegen in leer stehende Schulen, wo in ausgeräumten Klassenzimmern ein paar Leute darauf warten, dass man ihnen Musik vorspielt, nur um eine Stunde später von der Polizei oder einer Gang verjagt zu werden.“

Jason Birchmeier[9]

Siehe auch

Underground Resistance, Elektronische Tanzmusik, Elektronische Musik, Juke, Techno, House, Electronica, Electro, Berlin.

Einzelnachweise

  1. Aufstieg und Fall: Techno als Musikrevolution (2005) [1] bei Textem.de
  2. Im UK wurde die Platte über Mute Records vertrieben und erschien auf Black Market Records.
  3. Profil [2] Black Market Records bei Discogs am 23. Februar 2010
  4. Bomber One, ebd.
  5. Artikel Underground Resistance [3] bei de.wiki
  6. ebd., bis 22. Juni 2014
  7. Über die Wirkung von Ecstasy zum Beispiel Irvin Welsh in seinem Buch Ecstasy: Irvin Welsh – Ecstasy [4] 9€ bei amazon
  8. Jason BirchmaierReview X-101 [5] bei allmusic
  9. ebd.

Weblinks

X-101 – X-103

  • Underground Resistance [9] dieser Link und die folgenden bei Discogs
  • X-101 – Sonic Destroyer [10] (Tresor, 1991)
  • X-102 – Discovers The Rings Of Saturn [11] (Tresor, 1992)
  • X-103 – Atlantis [12] (Tresor, 1993)
  • X-102 – Rediscovers The Rings Of Saturn (Tresor, 2008)

Tresor

  • Berlin-Techno: Tanzen unterm Tarnnetz – Erinnerungen an die Anfangstage des Berliner Techno [13] 29. Mai 2007 bei der Zitty

Weiteres

  • Jeff Mills & Montpellier Philharmonic Orchestra – Full Video [14] mit einer kurzen Interpretation von Sonic Destroyer als Einleitung bei Youtube
  • Edgar Varèse – Ionisation [15] bei Youtube
  • 2 July 1990. S-Bahn from West Berlin to Alexanderplatz [16] S-Bahn-Mitfahrt durch die Trümmerstadt, Berlin Mitte 1990 bei Youtube
  • Produzent unbekannt – Berlin 1980 (.fr) [17] bei Vimeo
  • Irvine Welsh's Ecstasy Teaser Trailer – Irvinewelshecstasy [18] bei Youtube
  • Jeff Mills about: X-102 rediscovers the rings of Saturn @ Kino Eiszeit, Berlin [19] dem Gerücht nach aus ethnophobischen Gründen hinter der Leinwand bei Youtube

Links im Juli 2017.