Spektralmusik

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Die Spektralmusik, bzw. der Spektralismus (von Musique spectrale), auch Neue Konsonanz, ist eine Musikrichtung der modernen und zeitgenössischen Avantgarde, die seit den frühen 1970er Jahren populär ist. Der Terminus spectral music wurde von Hugues Dufourt 1979 geprägt. Entwickelt wurden die zentralen Techniken vom Ensemble l'Itinéraire und dem IRCAM, Paris. Der Spektralismus wird in ästhetischer Hinsicht eher als Stil und Einstellung als als Sammlung von Techniken oder etwa Methode definiert.[1] Eine der zentralen Thesen des Spektralismus ist: "Music is ultimately sound evolving in time".[2] Ein Vorschlag zur Redefinition des Begriffs 2003 sollte desweiteren jede Auffassung berücksichtigen, in der Klang oder Timbre möglichst durchweg als Grundlage musikalischer Entscheidungen und Strukturen vereinbart ist.[3] Neben der Klangfarbe ist die Einheitlichkeit der Komposition von besonderer Bedeutung. Musikalische Entscheidungen werden grundsätzlich mit Hinsicht auf die gesamte musikalische Gestalt getroffen.

Hintergrund

Im Zentrum des Spektralismus stehen die (vertikale) Klang- oder eben Spektral- oder auch Fourieranalyse (FFT) und Re- und Dekonstruktionen der Obertonreihen sowie deren anschließende Übertragung auf Orchesterinstrumente. Bei seinem Hauptvertreter Gérard Grisey steht der formalisierte Spektralismus dem historisierten Spektralismus gegenüber.[4] Spektralisten lehnen oft postmoderne Entwicklungen in der Musik ab, die Geschichte der Moderne biete bereits genügend Material.[5] Deshalb wird der Spektralismus zuweilen als „letzte Strömung modernistischer Tradition“ verhandelt.[6] Etwa seit dem Millennium ist die Rede von zwei Generationen von SpektralmusikkomponistInnen, die zweite, oft neoklassizistische Generation, integriert auch Techniken der „Mischung von Stilen“, dabei wird bereits in der Begriffswahl zumeist behutsam darauf geachtet, auch theoretische Einlassungen mit Begrifflichkeiten des Posthistoire zu vermeiden.[7]

Geschichte

Seinen Ausgangspunkt findet spektrale Musikbearbeitung in der Musique concrète, entsprechend populär ist die Musique spectrale in Frankreich.

Vorgehen

Das aufgenommene Tonmaterial wird mittels Spektralanalyse in seine Obertöne zerlegt. Die Obertöne werden dann auf Orchesterinstrumente übertragen, von wo aus sie neu kombiniert werden können. Die Stimmen sollen möglichst aus dem Material herausentwickelt werden, mögliche Variationen sind Wiederholung, Erweiterung, Reduktion usw..[8] Eine Folge der Spektralanalyse ist, „dass in der Spektralmusik der Unterschied zwischen Farbe und Akkord (fast) verschwinde[t] …“[9] Die Klangfarbe ist damit das Hauptkriterium der Beschäftigung mit den jeweiligen Vorlagen, zumal die Klangfarbe im Gegensatz zu anderen Parametern der Musik nicht vollends quantifizierbar ist, zum Teil werden auch elektronische Klänge in Art von Orchesterinstrumenten bzw. nach einem bestimmten Register oder Spektraltyp designt. Es ergeben sich zumeist relativ harmonische Muster, die oft in Richtung atonale Musik verändert werden. Der Spektralismus steht dem Minimalismus nahe, von wo er einen Teil seiner Techniken bezieht. Da die Repräsentation längerer Passagen problematisch scheint, werden spektralistische Techniken oft im Rahmen von schwerpunktmäßig andersartigen Kompositionen eingesetzt. Das Zeitverhalten beim Hören spektraler Muster oder Kompositionen differiert oft eindeutig vom Verhalten bei der Rezeption anderer Neuer Musik, oft kann, wie auch bei der Klangskulptur, der Eindruck fehlender Linearität entstehen. Kompositionskriterien sind zum Beispiel Schwebung, Spektrum, Harmonie, Intonation, Einteilung usw..

"Also, when creating sounds with computers, FFTs can be used to transform the timbre of a sound in various ways, such as by generating hybrid timbres through a collection of processes known as cross-synthesis, or applying a room reverberation to a sound by means of convolution. If the music is to be performed by live musicians (as opposed to being played electronically via computer through speakers), then these novel effects must be translated into an extended traditional notation that can be read and executed by a human being with some additional training. The fine gradations of pitch are usually rounded off to the nearest quarter-tone or even eighth-tone—dividing the octave into 24 or 48 discrete pitches, instead of the usual twelve of Western music. Temporal aspects and dynamics are subject to similarly fine controls, creating additional notational hurdles."[10]

Tristan Murail – Memoire / Erosion (1975/76)

Jonathan Harvey: Tombeau de Messiaen (1994)

Bei Gérard Griseys Musik kann sich die Frage stellen, ob es sich bei dem, von ihm bearbeiteten Material für traditionelle Instrumente, um Bearbeitungen von Ton- oder Ereignisdauern oder von Hüllkurven handelt:

„Essenziell für das spektrale Komponieren ist nicht nur die Herleitung des zu verarbeitenden Materials aus der Obertonreihe, sondern auch ein bestimmtes Verständnis der Klänge; diese begreift Gérard Grisey als Mikroorganismen mit je eigenem Charakter und eigener Dynamik; die Unterschiede und Übergänge zwischen den verschiedenen Ausprägungen des Klangs darzustellen ist eine der wichtigsten Aufgaben, welchen der französische Spektralismus sich stellt.“[11]

Das verbindet ihn mit Morton Feldman. So zum Beispiel in: Gérard Grisey – Vortex Temporum (w/ score) (for six instruments) (1995) [11] bei Youtube

Spektralanalyse Werkzeug

Viele gängige Musikprogramme bieten einen Menüpunkt Spektralanalyse an, Spectrum Analyzer gibt es als Plug-Ins und Standalone, auch bereits als Freeware, oder aber als Hardware bis hin zu High-End-Geräten der gehobenen Preisklasse.[12][13]

Musiker

Vorläufer: Maurice Ravel, Giacinto Scelsi, Olivier Messiaen

1. Generation: Gérard Grisey, Tristan Murail, ‪Horaţiu Rădulescu‬, Hugues Dufourt, Hans Zender, Wolfgang von Schweinitz, Michaël Levinas, Georg Friedrich Haas, Philippe Manoury, Feedback Studio-Gruppe: Johannes Fritsch, Mesias Maiguashca, Peter Eötvös, Claude Vivier, Clarence Barlow, Per Nørgård

2. Generation: Kaija Saariaho, Philippe Hurel, Pascale Criton, Philippe Leroux, Jean-Luc Hervé, François Paris, Marc-André Dalbavie, Joshua Fineberg, François Narboni, Markus Lindberg, Philippe Fénélon, Gérard Pesson, Pascal Dusapin, Fausto Romitelli, Frédérick Martin, Martin Matalon, Hans-Joachim Hespos, Magnus Lindberg, Thierry Blondeau, Georg Friedrich Haas, Ivan Fedele, Marco Stroppa, Jonathan Harvey, Iancu Dumitrescu und Ana-Maria Avram (Hyper-Spectralism)

Siehe auch

Computermusik, Molekulare Musik, Neuronale Netze. Texturalismus, Elektronische Musik, Musikalisches Werk, Algorithmische Komposition, Schillinger-System, Serielle Musik, Live-Elektronik, Postserielle Musik, Experimentelle Musik / Avantgarde

Weitere Kontexte

„Elemente spektralen Denkens finden sich […] auch in der Volksmusik, bspw. im Obertongesang in Russland und im Alphornspiel in der alpenländischen Volksmusik, die ebenso das ‚Spektrum‛ der natürlichen Obertöne verwenden.“[14] Über den Jazz-Saxofonisten Steve Lehman findet die Spektralmusik auch Eingang in die improvisierte Musik.

Literatur

  • Anderson, Julian. 2000: A Provisional History of Spectral Music. Contemporary Music Review 19, no. 2 ("Spectral Music: History and Techniques"): 7–22.
  • Anderson, Julian. 2001: Spectral Music. The New Grove Dictionary of Music and Musicians, second edition, edited by Stanley Sadie and John Tyrrell. London: Macmillan Publishers.
  • Dufourt, Hugues. 1981: Musique spectrale: pour une pratique des formes de l'énergie. Bicéphale, no.3:85–89.
  • Dufourt, Hugues. 1991: Musique, pouvoir, écriture. Collection Musique/Passé/Présent. Paris: Christian Bourgois. ISBN 2-267-01023-2
  • Fineberg, Joshua (Hrsg.). 2000a: Spectral Music: History and Techniques. Amsterdam: Overseas Publishers Association, published by license under the Harwood Academic Publishers imprint, ©2000. ISBN ISBN 90-5755-131-4. Constituting Contemporary Music Review 19, no. 2.
  • Fineberg, Joshua (Hrsg.). 2000b: Spectral Music: Aesthetics and Music. Amsterdam, Netherlands: Overseas Publishers Association. ISBN 90-5755-132-2. Constituting Contemporary Music Review 19, no. 3.
  • Rose, François. 1996: Introduction to the Pitch Organization of French Spectral Music. Perspectives of New Music 34, no. 2 (Summer): 6–39.
  • Surianu, Horia. 2001: Romanian Spectral Music or Another Expression Freed, translated by Joshua Fineberg. Contemporary Music Review 19, no. 3:23–32.
  • Sykes, Claire. 2003: Spiritual Spectralism: The Music of Jonathan Harvey. Musicworks: Explorations in Sound, no. 87 (Fall): 30–37.
  • Joshua Fineberg. 2003: Analyse, phénoménologie et ethnomusicologie dans la musique spectrale. Avec Tristan Murail, Ana-Maria Avram, Iancu Dumitrescu, Cornelia Fales, Robert Reigle. 1998: Vingt-cinq ans de création musicale contemporaine: l’Itinéraire en temps réel, Paris, L’Itinéraire/L’Harmattan

Einzelnachweise

  1. Artikel Spectral music [1] bei der en.wiki
  2. Tristan Murail, zitiert im Artikel Spectral music [2] bei der en.wiki
  3. ebd.
  4. Grisey, Gerard (1998): "Du spectralisme formalise au spectralisme historicise", in: Cohen-Levinas (Hg.) (1998) – "Chronologie des oeuvres jouées par l’Itinéraire 1973–1998". Vingt-cinq ans de création musicale contemporaine. L’Itinéraire en temps réel, Paris: L’Harmattan
  5. Theo Hirsbrunner – Ravel heute [3] bei der Gesellschaft für Musiktheorie
  6. Makis Solomos – Die neuesten Entwicklungen der zeitgenössischen Musik in Frankreich [4] so etwa bei der Universität Montpellier
  7. Makis Solomos – Die neuesten Entwicklungen der zeitgenössischen Musik in Frankreich, ebd.
  8. Eintrag bei Neue Musik.com.ar, die Domain ist nicht mehr online.
  9. Theo Hirsbrunner – Ravel heute [5] bei der Gesellschaft für Musiktheorie
  10. Artikel Spectral Music, Abschnitt Compositional technique [6] bei der en.wiki
  11. Hans Gebhardt – Gérard Griseys "Accords Perdus – cinq miniatures pour deux cors en fa" [7] bei Google.books
  12. Software : Analyzers & Meters [8] bei MacMusic.org (eingesehen 22. Mai 2013)
  13. Nat Roe – How Large is an Atom of Music? A Tour through Today’s Spectral Music and Software at UCSD (2011) [9] bei Rhizome
  14. Artikel Spektralmusik [10] bei der de.wiki

Weblinks

  • Theo Hirsbrunner – Ravel heute [12] bei der Gesellschaft für Musiktheorie
  • Makis Solomos – Die neuesten Entwicklungen der zeitgenössischen Musik in Frankreich [13] bei der Universität Montpellier, Musik und Ästhetik vol.4 n°16, Stuttgart, 2000, S. 80-89
  • Beiträge zur Neuen Musik (Nr. 49, 2001) [14] PDF bei Claus Steffen Mahnkopf
  • Artikel Musique spectrale [15] bei der fr.wiki
  • Playlist Spectral Music [16] bei Youtube, Uploader: David Brighton
  • UD Virtual Compound Microscope [17] Online-Mikroskopie bei Udel.edu

Links im Juli 2017.