Muellie Messiah / Punk Not Punk – Exq I

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Exq I oder auch Exquisite I ist ein selbst-generatives Stück Musik mit vorwiegend analogen elektronischen Instrumenten und 45:16 min. lang, in der Version mit Visuals um 23 Sekunden Stille auf 45:39 min. erweitert. Die Aufnahme wurde von Muellie Mess und Punk Not Punk betreut. 2014 wurde das Stück in einer, um etwa 10 Minuten kürzeren Version (35:53) vorgestellt.

Veröffentlichungskontexte

Die Einbettung erlaubt nur das komplette Durchhören. Gespult werden kann bei Soundcloud.

Das Stück ist das längste aus einer Reihe von Produktionen. Die originale 100records-CD wurde in einer 20er-Auflage mit je einem 5-Euro-Schein versehen und enthielt ausschließlich dieses Stück (100records – exq I), die Auflage wurde dann spontan verschenkt. Die Reaktionen auf die Verschenkungsaktion variierten, manche der Beschenkten fühlten sich unmittelbar in die Zeit der Währungsunion zurückversetzt, andere haben den Schein direkt für bare Münze genommen. Dokumentiert wurde die Aktion bis auf das Foto eines Exemplares nicht, auch für das Archiv ist keine Kopie übriggeblieben. 2011 wurde das Stück zusammen mit Pho I unter dem Titel [plates] (Muellie Messiah / Punk Not Punk) erneut in Umlauf gebracht (Passive Musik Berlin, pm 01). Es handelt sich um das erste Stück, bei dem Muellie Mess und Punk Not Punk namentlich als Urheber auftraten. Vorherige Veröffentlichungen des Labels waren konzeptgemäß so ausgelegt, dass keine Act- oder Bandnamen für die Stücke verwendet wurden. Offizielles Releasedatum des ersten Finals war der 12. Januar 2011. Ein Follow-Up erschien zusammen mit Pho II ebenfalls unter dem Titel [plates] (pm02).[1] Exq II ist 13:34 min lang. Desweiteren existieren zwei rhythmisierte Tracks auf 100 Records (Exquisite 1|2 & 2|2) sowie ein Remix einer Veröffentlichung der Berliner Band Dont, in denen die gleichen Overdubs verwendet werden. Die Aufnahme des etwa 80 Minuten langen Livesets für das Stück erfolgte im November 2010 im 100records-Studio in Kreuzberg, Berlin, der Cut in Berlin, Prenzlauer Berg. Das Resultat wurde zuerst auf Soundcloud veröffentlicht, dann mit Visuals auf Youtube, dort wieder gelöscht, und im April 2011 um zehn Minuten gekürzt wieder auf Soundcloud zur Verfügung gestellt.

Musikalisches Material und Instrumentierung

Das Stück ist im Original ungemastert und wurde mit einer Freeversion von Digidesign / Avids Pro Tools für Apple|MacIntosh OS 9.1 gecuttet. Die abschließende Konvertierung (Bounce, Export oder Bereitstellung) der ersten gecutteten Version, die etwa eine Minute länger ist, als das Final, erfolgte am 18. November 2010, aufgenommen wurde am Wochenende zuvor, dem 13. oder 14. November 2010. Es existiert eine Version mit Visuals, die das Hören des Stücks erleichtern soll.[2] Die Feldaufnahme, die als parallele Audiospur für das Stück verwendet wurde, stammt im Original von Unbekannt von der Webseite des WLUW College Radios, Chicago.[3] Sie soll hauptsächlich während einer Ausstellung The Exquisite City, City of Cardboard in Chicago aufgenommen sein, enthält aber offenbar auch Aufnahmen, die an anderen Orten gemacht wurden. Teile finden sich im Programm von Phonography.org (daher stammen auch die Einspielungen für Pho I & II).[4] Instrumentierung: Atari mit Cubase, Roland TR-808, Novation BassStation, Doepfer MS-404, Novation A-Station, Akai-612 Sampler, KORG MS-10, Alesis QuadraVerb, Mackie VLZ16 Mischpult, Alesis Compressor 3630, Lexicon MPX 100, Tascam CD-Rekorder. Der schrille lange Ton, der im Verlauf der Version 2012 ab und zu vorkommt, stammt von der Doepfer 404.

Kompositionsmethode

Das Stück selbst ist keineswegs eine besonders erwähnenswerte Pionierarbeit im Bereich der Elektronischen Musik, es wird weder aufwendige Klangsynthese wie durch Max/MSP oder ähnliche Software verwendet, noch kommen sonstige revolutionäre musikalisch-technische Neuerungen zum Einsatz. Jedoch handelt es sich um eines der wenigen Musikstücke in der Musikgeschichte, bei denen ein Field Recording ohne nennenswerte Vorbereitung oder Anpassung mit dem Equipment durchgehend live synchronisiert wurde. Grundlage von Exquisite I ist ein kleines Kompositionssystem, das sich im Laufe der Zusammenarbeit von Muellie Mess und Punk Not Punk in den davorliegenden sieben Jahren entwickelt hatte. Da es fast ausnahmslos besonders in der Anfangszeit der Zusammenarbeit manchmal mehrere Aufnahmen, Cuts und Ergebnisse pro Woche gab, in späteren Jahren nur noch eine Aufnahme und ein Stück pro Woche (insgesamt etwa 400 bis 500 Stücke), war das System zu diesem Zeitpunkt bereits einigermaßen elaboriert. Die Zusammenarbeit begann 2004 und endete (vorläufig) im Dezember 2010, das Studio wurde dann als 100records-Studio aufgelöst. Vor 2004 gab es bereits erste Ansätze kompositorischer Techniken, Muellie Mess hatte bereits erste Erfahrungen mit Einspielungen längerer genrefremder Passagen (Soundtracks, Vorträge usw.) als Ready-mades gemacht und mit Kombinationen und Überlagerungen von Musikstücken anderer Musiker (Mash-Ups) gearbeitet.

Das System bestand aus einer Reihe von Regeln, die zum Teil explizit, zum Teil aber auch stillschweigend entwickelt wurden. Dazu gehört zum Beispiel die Technik des Tap and Deletes von Drumpads der Roland TR-808. Diese Technik besagt, dass auch Drumpads keine rhythmische Funktion zukommen sollte, sondern einzelne Expositionen des Klangbestands der Drummaschine zumeist mittels des Tap Buttons der 808 gesetzt und noch vor dem Durchlauf einer 32er Reihe wieder gelöscht wurden, sodass der betreffende Klang (Bassdrum, Hi Hat, usw.) nur einmal und nicht etwa in rhythmisierender Repetition erklingen sollte. Repetitionen sollten die Ausnahme bleiben und Repetition als solche wurde in der Zielsetzung als zu überwinden gekennzeichnet, den vorhandenen Repetitionen soll demnach kein Wiederholungswert zukommen, sie zielen vielmehr auf eine Art Stillstand und stabilisieren die Struktur. Die gesetzten Drumpattern sollten so als Motive formiert werden, dass sie wie Einzelereignisse pro 32 Steps klangen. Das Tempo sollte auf bis zu höchstens 72, später 70 Beats per minute reduziert werden, um auch die Folge der Drumpad-Motive zu reduzieren.[5] Ein weiteres Merkmal der Kompositionsmethode war die jahrelange Auseinandersetzung von mir und Punk Not Punk mit Synchronizitäten, die im Verlauf der Labelarbeit immer weiter ausgearbeitet wurde. Es ging darum, nicht etwa wie zu der Zeit in fast allen bekannten Aufnahmen üblich, kurze Samples zu verwenden oder genrefremdes Material bis zur Unkenntlichkeit zu zerstückeln, sondern lange Field Recordings synchron zur Musik einzuspielen, bzw. Field Recordings mit den Mitteln eines musikalischen Trash-Minimalismus zu dekorieren. Dafür wurde auch ein pitchbarer Aiwa Kassettenportable eingesetzt, wobei der jeweilige Pitch entweder frei oder zur Anpassung an das Tempo des jeweiligen Stücks eingestellt wurde. Die Grundidee des Systems war die Erstellung von livenahen Aufnahmen im Studiobetrieb, dazu sollte viel Spontaneität in die Aufnahme einfließen. Synchronisationen wurden mittels Ankerpunkten, auffälligen Ereignissen nicht nur in der Einspielung, sukzessive verarbeitet und möglichst auch spontan antizipiert oder projiziert.[6] Das System hatte sich bei Aufnahmen in den Wochen zuvor (Pho I & II) auf eine neue Weise bewährt. Es war bei diesen Aufnahmen bereits absehbar, dass insbesondere auch die Reduktion des Tempos zu wesentlich längeren Stücken und mehr Übersicht führen würde. Der rhythmische Gehalt der davorliegenden 100records-Stücke war dagegen nicht mehr oder kaum noch enthalten. Weitere zur Verfügung stehende Drummaschinen (Yamaha RZ-1, Oberheim DX, Roland TR-505 / Roland TR-606, Boss DR-660 oder vorhandene Module) kamen nicht zum Einsatz.

Entwicklung und Sinn der Kompositionstechniken

In den Jahren zuvor wurden bei der Zusammenarbeit sukzessiv unterschiedliche Techniken entwickelt, die dazu führen sollten, dass aus gewöhnlichen Loops das würde, was wir heute Floating Loops nennen. Dass nämlich mit der Wiederholung einer Sequenz die Veränderung der akustischen Gestalt derart eindeutig wäre, dass sie nicht als Wiederholung wahrgenommen würde, zumindest nicht einem nicht-analytischen Verständnis oder einer nicht-analytischen Hörweise zufolge. Einen Loop in der Schwebe halten bedeutet: Dass die musikalische Gestalt derart variiert, dass der Gesamtzusammenhang sich zwar verändert, aber nicht vollends aus dem Ruder läuft und im Ergebnis zu einer musikalischen Struktur führt, die durch den Cut dramaturgisch umgesetzt und realisiert wird. Das heißt, dass auch die unterschiedlichen Aussparungen und Themen im Stück, zumeist aufgrund sehr langsamer LFOs, selbstständig entstehen und vergehen.

Aufnahme

Die Session fand im November 2010 ab etwa 14 Uhr statt. Zunächst wurden bis etwa 18 Uhr Voreinstellungen vorgenommen. Nach dem Start der Aufnahme lief die 27taktige Sequenz auf 54 Bpm 80 Minuten lang durch, ohne dass, außer in Ausnahmefällen, eingriffen werden musste. Tempo und Taktanzahl (54 Bpm, 27Takte) wurden in Bezugnahme auf die Holy Sequence (Neuner-Reihe bis 108) eingestellt, die davor aufgenommenen Stücke (Pho) waren 26 Takte lang und 53 Bpm im Tempo. Muellie Mess bezeichnete das Stück später als eine Analogie zu Stanislaw Lems Eden, insbesondere in Referenz auf eine Szene, in der eine Fabrik selbsttätig Körper entwickelt, vernichtet und wieder recyclet, um sie aufs Neue erstehen zu lassen:

Respektiert werden muss vor allem auch das Field Recording von 'anonym', also die Vorlage, die ein solches Vorgehen ermöglicht. Die atmosphärischen Wechsel sind einleuchtend und intensiv, die Längen angemessen. Die Atmosphären selbst sind jeweils zum Teil subtil räumlich erfahrbar ... und dann waren wir auch abwesend, als wir das Stück machten ... Übermäßiges Mitgefühl habe ich mit den Dingen, den menschenleeren und verlorenen Orten am Rande der Zivilisation. Mehr als jeder Mensch hat zu mir diese Leere gesprochen. Und mir von ihrer ewigen Einsamkeit erzählt und meiner, als ich sie verstanden habe.
Muellie Mess (PMB-Verlag 2013, edition hau ab!)

Cut

Das Cutten des Stücks verlief ebenso auf Grundlage vorgegebener und bis zu einem gewissen Grad etablierter Regeln. Dazu gehörte zum Beispiel, dass die Cuts dem linearen Verlauf der Aufnahmen unbedingt folgen sollten. Es gibt also keine Versetzungen der Original Timestamps im zeitlichen Ablauf der Aufnahme, auch wenn es reizt, um so eine Live-Routine zu befestigen. Alles, was aus dem Verlauf des entstehenden Finals herausgeworfen werden konnte, sollte auch herausgeworfen werden. Das Ziel war also, ein je möglichst kurzes Stück zu entwerfen. Dafür wurde vor fast jedem Cut die Möglichkeit berücksichtigt, dass aus einer 80 Minuten langen Aufnahme eventuell ein Zweiminutenstück werden könnte (was manchmal auch der Fall war) oder sogar nur ein Jingle oder Sample. Eine weitere Vorgabe war die Unantastbarkeit der Stimmen, die in den Einspielungen zum Zuge kamen (der jeweilige An- und Aushauch von Worten wurde durch die Ermittlung von Spiranten, Dentalen und Labialen berücksichtigt). Im Final enthalten sind unter anderem eine Rede des letzten US-Präsidenten Barack Obama während der Präsidentschaftskandidatur ("Yes We Can", ab min. 10:12) und eine vorgestellte kurze Messiaen-Floskel. Direkt im Anschluss folgt ein Auszug aus der Nationalhymne der USA, interpretiert möglicherweise von Whitney Houston? Viele Entscheidungen im Laufe eines Cuts bewegen sich unterhalb Sampleebene. Für einen Single-Cut können bis zu eineinhalb Stunden Arbeit anfallen, Exq I enthält etwa einhundertwanzig solcher Single-Cuts. Viele davon entsprechen dem, was im allgemeinen Fabrikarbeit genannt wird. Hinzu kommt ein Distanz-Cut, der erst nach Erholung des Gehörs etwa zwei Wochen später angebracht werden kann.

Auf Anfragen, wie denn solche Musik zu hören sei, kann auf die typischen Ideale bei der Gestaltung von Tapetenmusik verwiesen werden, die von Miles Davis ebenso wie Brian Eno gefordert wurden, dies im Anschluss an eine Idee von Eric Satie aus dem Jahr 1917, der anstelle von Stille das Gespräch während der Aufführung favorisierte.[7]

Ähnliche

Einzelnachweise

  1. Die beiden Pho-Stücke befinden sich auf dem gleichen Account. Pho I ist unter anderem stark von György Kurtágs Heinrich-Schütz-Adaption Die Sieben Worte (Fragmenta) inspiriert:
  2. Die Videoversion (2012) ist auf Anfrage kostenlos per Donwloadlink erhältlich.
  3. Homepage WLUW Chicago Sound Alliance bei wluw.org
  4. Homepage Phonography.org bei phonography.org
  5. „Wir hatten die Batterie von der 808 überhaupt seit ihrer Anschaffung nicht gewartet und dachten, die hätte nur 32 Steps, was schon ein bisschen tragisch ist, nicht? Deshalb auch 32er-Reihe. Not macht erfinderisch.“
  6. Das System wurde bei späteren Aufnahmen zu einem Konzept weiterentwickelt, bei dem Random-Internet-Streams zu den jeweiligen Aufnahmen dazugemischt wurden (audiovisual spacediving, siehe den Artikel radio aporee ::: maps). Außerdem entstand ein Seitenprojekt, bei dem Mess als Mixmaster Johnson mit analogen Instrumenten Live-Basics für Swing- und Hardbop-Soloisten in Kaffeehaus-Kontexten liefert.
  7. Musique D'Ameublement [1] bei blogspot.com

Weblinks

  • Mailadresse zur kostenlosen Anforderung des Videos Exq I in der Version von 2012: MimmiMess@t-online.de | Aufgabe beim Videocut war es, die Geduld der Zuschauer und Zuhörer diskret auf die Probe zu stellen. .mp4, 517,9 MB (640 x 352, H.264, AAC), damit knapp über der Uploadgrenze bei Vimeo und inzwischen auch zu lang, um es bei Youtube hochzuladen. Der Youtube-Account wurde kurzzeitig als Protest gegen die Involvierung Googles in Rüstungstechnologien stillgelegt und später wieder restauriert. Deshalb auf diesem Weg.