Grunge

Aus indiepedia.de
Abgrenzung
Ursprünge: Hardrock, Punkrock, Heavy Metal, Hardcore, Indierock
Herkunft: USA, Seattle
Zeitraum: ab Mitte der 1980er, Massenphänomen seit ca. 1991/92, 1994 Ende des großen Hypes
Anders als: Indierock, Alternative Rock, Stonerrock, Sludge

Grunge ist eine Stilart der Rockmusik, die ab Mitte der 1980er in und um Seattle entstand und Anfang der 1990er Jahre durch Bands wie Nirvana, Pearl Jam, Alice in Chains und Soundgarden zum Mainstream-Phänomen wurde. Die Ursprünge des Grunge liegen sowohl in Underground-Genres wie Punkrock, Indierock, Noiserock und Hardcore als auch in populäreren Formen der Rockmusik wie Hardrock und Heavy Metal. Zum Begriff wurde Grunge durch die gezielte Aufbauarbeit des Labels Sub Pop, das die vielfältige Musikszene von Seattle durch einheitliche Optik und Klangfärbung zum bestimmenden Trend der Region und schließlich der Pop-Welt der Neunziger generell machte.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft des Begriffs und Sound

Es gibt unterschiedliche Theorien darüber, wer den Begriff grunge – was ein eigentlich ein umgangssprachlicher Ausdruck für etwas Schmuddeliges, Schmutziges, Unansehnliches war – als erstes auf Musik anwandte. Creem-Musikjournalisten-Legende Lester Bangs verwendete das Adjektiv "grungy" in seinen Rezensionen bereits in den 1970er Jahren, und 1981 bezeichnete der damalige Mr. Epp and the Calculations-Sänger Mark Arm seine Band als "pure noise! pure grunge! pure shit!". Fest steht gleichwohl, dass Sub Pop-Mit-Chef Bruce Pavitt ab etwa 1987 das Wort "Grunge" gezielt benutzte, um die Bands seines Labels wie Green River mit Slogans wie "ultra-loose GRUNGE that destroyed the morals of a generation" zu bewerben. Damit wurde Grunge zum Label für einen ganz bestimmten Sound aus Seattle, der sich von anderen dort gespielten Rock-Stilarten wie Psychedelic, Power-Pop, Garagenrock oder Metal abhob.

Die Skyline von Seattle

Grunge-Bands orientierten sich im allgemeinen an der klassischen Rock-Besetzung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug plus Gesang. Oberflächlich betrachtet könnte man viele der Bands auch in die Hardrock- oder Heavy Metal-Schublade stecken, doch unterschieden sie sich von ihren Vorläufern nicht nur äußerlich, sondern auch durch viele musikalische Merkmale: Auf technische Höchstleistungen wie "Shredding"-Gitarrensoli und Eunuchen-Gesang wurde im Allgemeinen verzichtet, die Songs waren kompakter und meist eher am Punk-Rock orientiert (z.B. Nirvana, Mudhoney). Durch ihr Zusammenspiel, verbunden mit verzerrten Gitarren, Rückkopplungen und monotonen, basslastigen Sequenzen wurden zudem eher Klangflächen erzeugt (z.B. Smashing Pumpkins, Soundgarden), als das songorientierte Härter-Schneller-Lauter der Achtziger. Kennzeichnend sind eher die auch von Nirvana immer wieder benutzten Laut-Leise-Dynamiken der Songs.

Einflüsse und Geschichte

Die Frühphase (ca. 1982 bis 1987)

Wegweisend: die "Deep Six"-Kompilation

Ende der 1970er bis Anfang der 1980er hatte sich in Seattle eine zwar überschaubare, jedoch sehr aktive Punk-, Post-Punk- und Hardcoreszene mit wegweisenden Bands wie The Blackouts, The Refuzors, The U-Men, Solger und The Fartz gebildet (festgehalten unter anderem auf der Kompilation "Seattle Syndrome Vol. 1"), die inspirierend auf viele spätere Grunge-Musiker wirkte. Hinzu kam – neben den latent prolligen Hardrock-Bands der Siebziger wie Kiss, Alice Cooper, Ted Nugent oder Black Sabbath – der US-Hardcore und Indie-Underground der frühen bis mittleren Achtziger mit Bands wie Black Flag, Hüsker Dü, Scratch Acid, Big Black, Dead Kennedys, Sonic Youth, Butthole Surfers oder den Replacements. Diese verfolgten ihre jeweils eigene Vision von Punkrock ohne Scheuklappen und verbreiteten durch unablässiges Touren bis in die entlegensten Teile der Staaten zudem auch die Idee des D.I.Y., die auch in Seattle auf fruchtbaren Boden fiel. Entscheidend für die Entwicklung eines regionalspezifischen Sounds war jedoch vor allem der Umbruch vom rasend schnellen Hardcore hin zu verlangsamten Riffs, wie ihn beispielsweise Black Flag auf ihrem Album "My War" von 1984 exemplarisch vorgemacht hatten.

Die frühesten Adepten dieses Sounds waren die Fartz-Nachfolger Ten Minute Warning, die bereits kurz nach ihrer Gründung 1982 eine Mischung aus Punk und Metal, vermischt mit anderen Elementen, spielten und großen Einfluss auf die nachfolgenden Bandgenerationen ausübten. Dazu gehörten die 1984 gegründeten Melvins mit ihrer Debüt-EP "6 Songs" sowie dem folgenden Longplayer "Gluey Porch Treatment", außerdem Feast und Bundle of Hiss, die beide ebenfalls Mitte der Achtziger den neuen Sound zwischen Black Sabbath und Black Flag adaptierten. Von diesen wiederum ließen sich die ebenfalls 1984 gegründeten Soundgarden (die anfangs allerdings noch deutlich mehr in der Post-Punk-Richtung zu verorten waren) und die oftmals als erste "richtige" Grungeband bezeichneten Green River inspirieren. (Die Screaming Trees aus Ellensburg schlugen eine ähnliche Richtung ein, waren durch ihre räumliche Distanz allerdings nicht gänzlich der örtlichen Grunge-Szene zuzuordnen.) Vor allem Green River, die wiederum 1984 aus Mr. Epp and the Calculations, Deranged Diction und Ducky Boys hervorgegangen waren, kam eine echte Vorreiterrolle zu, da sie nicht nur die später mit Grunge identifizierte Schmuddelrock-Ästhetik verkörperten, sondern mit Mark Arm, Steve Turner, Stone Gossard und Jeff Ament auch das Personal zweier der später wichtigsten bzw. kommerziell erfolgreichsten Bands des Genres – Mudhoney und Pearl Jam – in ihren Reihen hatten. Die ebenfalls später unter dem Begriff "Grunge" subsumierten und bereits 1980 gegründeten Malfunkshun mit dem charismatischen Andrew Wood am Mikrofon hatten allerdings wenig mit dem garagigen Sound von Green River und Konsorten zu tun, sondern strebten vielmehr eine Art Glam-Punk-infizierten Stadionrock auf DIY-Basis als Ziel an. Skin Yard mit dem späteren Grunge-Chefproduzenten Jack Endino am Bass schließlich gingen im Laufe ihrer Existenz von Postpunk und Artrock zu heavieren Sounds über. Hinzu kamen die kurzlebigen, damals aber hoch gehandelten Cat Butt, Swallow und Blood Circus.

Diesen frühen Grunge-Sound der mittleren Achtziger dokumentierten wegweisende Kompilationen wie "Pyrrhic Victory" (1985) und "Deep Six" (1986) von C/Z Records sowie ein 1987 aus dem Fanzine Subterranean Pop hervorgegangenes Plattenlabel namens Sub Pop, dessen Name später synonym mit Grunge werden sollte und dessen Betreiber Bruce Pavitt und Jonathan Poneman eine erhebliche Mitschuld am späteren globalen Hype um Grunge und Seattle tragen sollten.

Der Aufstieg von Sub Pop und erste Major-Kontakte (1987 bis 1991)

Die Sub Pop-Schwergewichte TAD (mit Frontmann Tad Doyle)

Das überregionale Interesse an dieser spezifischen Form der Rockmusik wurde erstmals mit der Single Hunted Down/Nothing to Say von Soundgarden geweckt, die als erster Release von Sub Pop im Sommer 1987 erschien, kurz darauf gefolgt von der EP "Screaming Life". Die Band und ihr Sound war in den drei Jahren seit ihrer Gründung deutlich fokussierter geworden und evozierte Vergleiche mit Black Sabbath und Led Zeppelin; Sänger Chris Cornell wurde gar schon als Sexsymbol und geborener Frontmann gehandelt. Somit – und in Verbindung mit Sub Pops offensiver Marketingstrategie – wurde auch erstmals die Musikindustrie auf die Grunge-Szene aufmerksam. Da Soundgarden jedoch damals schon zu groß für Sub Pop schienen (und das Label 1988 dann auch in Richtung SST verlassen sollten), suchten Poneman und Pavitt nach neuen Bands für ihre noch junge Plattenfirma.

Backcover der Touch Me I'm Sick-Single von Mudhoney
(v.l. Steve Turner, Matt Lukin, Dan Peters, Mark Arm)

Die erste und womöglich wichtigste dieser Gruppen fanden die beiden Labelbetreiber in Mudhoney. Diese Band war Anfang 1988 aus den just auseinandergefallenen Green River entstanden, als deren "Punk-Fraktion" um Sänger Mark Arm (plus den bereits zuvor ausgestiegenen Gitarristen Steve Turner) wegen der zunehmenden Stadionrock-Einstellung der Gitarristen Stone Gossard und Bruce Fairweather sowie Bassist Jeff Ament nicht mehr weitermachen wollten. (Zeitgleich formierten die drei Letztgenannten zusammen mit Malfunkshun-Frontmann Andy Wood und Drum-Veteran Greg Gilmore die Glamrock-Band Mother Love Bone, die einen der ersten Major-Verträge an Land ziehen sollte, im Underground aber weniger wohlgelitten war.) Mudhoney, die neben Arm und Turner noch aus dem vormaligen Melvins-Bassisten Matt Lukin und Feast/Bundle of Hiss-Schlagzeuger Dan Peters bestanden, pflegten in Sound, Look und Attitüde genau jenes Loser-Klischee, das später zum Synonym für Seattle und Grunge werden sollte. Ihre 1988 veröffentlichte Debüt-Single Touch Me I'm Sick gilt noch heute als Inbegriff des Grunge-Rocks und setzte den Maßstab für den neuen Sound und Stil aus Seattle.

Hinzu kamen die aus Bundle of Hiss und den aus Idaho zugereisten H-Hour hervorgegangenen TAD, deren massiver Frontmann Tad Doyle samt seiner Kumpane von Sub Pop zu "gewalttätigen Hinterwäldlern" stilisiert wurden, was allenfalls musikalisch zutraf, mit TADs buchstäblich heavier Mischung aus Metal, Hardrock und Noise dort hingegen umso mehr. Als dritte Flaggschiffband nahmen Sub Pop ein mit den Melvins befreundetes Trio namens Nirvana aus Aberdeen unter Vertrag, das im Januar 1988 sein erstes Demo bei Jack Endino einspielte und im Jahr darauf sein zwischen schlammigem Metal, Punkrock-Gekreische und vorsichtigen Ausflügen in melodischere Bereiche gelegenes Debütalbum "Bleach" veröffentlichen sollte. Zuvor aber steckten Pavitt und Poneman ihre Expansionspläne mit der protzig als Dreifach-LP aufgemachten Kompilation "Sub-Pop-200" ab, die im Dezember 1988 erschien und zahlreiche Bands – darunter auch noch einmal Soundgarden, die ihrem alten Label die ironische Hymne Sub Pop Rock City schenkten – aufwies, die später zu Bekanntheit gelangen sollten.

Zur Promotion von Bands, Platten und Label ließen Poneman und Pavitt extra den britischen Musikjournalisten Everett True von Melody Maker nach Seattle einfliegen, damit er im stets nach neuen "authentisch amerikanischen" Rockbands Ausschau haltenden Vereinigten Königreich über die "Szene" berichten konnte. True war begeistert von den ihm vorgestellten Acts, noch mehr aber von Sub Pops unbekümmertem Größenwahn, so dass er eine Titelgeschichte schrieb, die Seattle als "neues Liverpool" voller hungriger, unverfälschter junger Rockbands idealisierte. In Folge dessen kamen nicht nur mehr Besucher zu den Konzerten in Seattle und Umgebung, sondern die Bands selbst gingen erstmal überregional auf größere Tourneen, und insbesondere in Großbritannien und Deutschland (wo Glitterhouse zu Sub Pops Vertriebspartner wurde) wurden die Labelflaggschiffe Mudhoney, Nirvana und TAD um 1989 zu neuen Lieblingen der Indie-Rock-Szene - wenngleich immer noch weit entfernt vom späteren Mainstream-Appeal. Speziell für die Bands des Sub Pop-Labels galt außerdem, dass sie fast alle von Jack Endino produziert wurden, der für einen einheitlichen, rauen Sound sorgte, welcher die Liveatmosphäre der Bands einfangen sollte. Schließlich sollte auch die Optik der Schallplattencover und Bandphotos, für die maßgeblich Charles Peterson verantwortlich zeichnete, mit ihren verwischten Motiven aus energetischen Livekonzerten der jeweiligen Bands zum einheitlichen Grunge-Stil beitragen. Der exklusive Sub Pop Singles Club mit seinen limitierten Releases sorgte für eine weitere Steigerung der Nachfrage.

Die "Sub Pop-Weltherrschaft" - hier zumindest auf der "Space Needle" in Seattle 2008

Gleichzeitig bedeutete die von Pavitt und Poneman nur halb scherzhafte angestrebte "Weltherrschaft" aber auch, dass die Wahrnehmung der an sich sehr vielfältigen Musikszene von Seattle auf ein Label und einen Sound verengt wurde, während andere in der Szene respektierte Bands wie Vexed, Pure Joy, Fastbacks oder Coffin Break, die nicht den "Grunge-Bonus" hatten, es sehr viel schwerer hatten, wahrgenommen zu werden. Lediglich die Power-Popper The Posies hatten es schon recht früh geschafft, mit ihren ersten Alben "Failure" (1988 auf Popllama erschienen) und "Dear 23", das 1990 bereits auf dem Major DGC veröffentlicht wurde, aus der lokalen Obskurität auszubrechen, ohne auf die Sub Pop/Grunge-Karte zu setzen. Weitere frühe Major-Vertragsbands aus Seattle waren neben Mother Love Bone (EP "Shine" 1989 bei Polydor) die mittlerweile deutlich weniger experimentellen Soundgarden (mit "Louder Than Love" seit 1989 bei A&M) und die vormalige Hair Metal-Band Alice in Chains (deren Debütalbum "Facelift" 1990 auf Columbia Records erschien und die erste Goldene Schallplatte für eine Seattle-Band einbrachte), welche sich jedoch eher als moderne Metal-Bands präsentierten und ansonsten keine direkte Beziehung zu Grunge herstellten.

Der große Hype (1991 bis 1994)

Nirvana-Frontmann Kurt Cobain (1967–1994)

Der tatsächliche und in der Form durchaus unerwartete weltweite Erfolg des Phänomens Grunge trat hingegen erst 1991 mit dem Erscheinen des zweiten Nirvana-Albums "Nevermind" auf dem Majorlabel Geffen und der daraus stammenden ersten Single "Smells Like Teen Spirit" ein. Als symbolische Übernahme der Musikwelt gilt dabei die Anfang 1992 erfolgte Verdrängung von "King of Pop" Michael Jacksons Album "Dangerous" durch "Nevermind" vom Platz Eins der Billboard-Charts. Die ebenfalls um diese Zeit erschienenen Alben der teils etablierten, teils noch jungen Bands Pearl Jam (aus Mother Love Bone hervorgegangen und mit ihrem Debüt "Ten" von 1991 im Nirvana-Sog zu Megastars geworden), Soundgarden ("Badmotorfinger" von 1991) und Alice in Chains ("Dirt" von 1992) wurden ebenfalls äußerst erfolgreich und brachten mit ihren charismatischen Frontmännern Kurt Cobain, Eddie Vedder, Chris Cornell und Layne Staley eine neue Generation von Rockstars hervor. Allerdings zeigte sich schon früh auch der negative Einfluss des Starrummels mit Erfolgsdruck und Konsum harter Drogen, dem schon 1990 Andrew Wood zum Opfer gefallen war, als er an einer Heroin-Überdosis verstarb. (Die erste Grunge-Supergruppe Temple of the Dog, bestehend aus Mitgliedern der befreundeten Soundgarden sowie den vormaligen Green River- und Mother Lover Bone-Musikern Jeff Ament und Stone Gossard, kam aus diesem Anlass in Würdigung des Verstorbenen zusammen.) Auch Kurt Cobain und Layne Staley wurden früh heroinabhängig, was Letzterer unter anderem in den Texten zum Alice in Chains-Album "Dirt" verarbeitete.

In einer bis dahin beispiellosen Aktion der Musikindustrie wurde ab 1992 ein Hype entfacht und jeder Musiker aus Seattle und Umgebung unter Vertrag genommen, der eine Gitarre richtig herum halten konnte. Dabei gelangten zwischenzeitlich zwar auch traditionsreiche Acts wie die Screaming Trees, Melvins, Skin Yard, Love Battery oder besagte Mudhoney zu etwas größerer Bekanntheit und Verträgen mit großen Plattenfirmen, erreichten aber nie die Popularitäts- und Verkaufsdimensionen von Nirvana und Konsorten. Der bis dato populärste Stil härterer Rockmusik, der poppig-glamourös-hedonistische Hair Metal, verschwand quasi über Nacht aus den Charts, und statt Party-Feeling regierte nun der Selbstzweifel und Frust der sogenannten Generation X.

Die beteiligten Musiker selbst wehrten sich zum allergrößten Teil gegen das Grunge-Etikett, da sie es als Medienkonstruktion begriffen. Sinnbild für die Ablehnung des Hypes wurde – neben der Welle der Grunge-Mode aus Flanellhemden, Doc Martens, langen Unterhosen, zerrissenen Jeans, langen Haaren und Ziegenbärtchen, was schließlich sogar seinen Weg auf die Fashion-Laufstege fand – der legendäre Grunge-Slang-Schwindel, als die "New York Times" unbedingt nach Grunge-spezifischen Szeneausdrücken suchte und stattdessen von der Sub Pop-Rezeptionistin Megan Jasper eine Liste von Phantasieausdrücken vorgesetzt bekam. Die Frage nach Authentizität inmitten des Hypes wurde zu einem der zentralen Begriffe der Grunge-Ära, da als Nachzügler oder gar Trittbrettfahrer angesehene Bands wie etwa Candlebox ebenfalls enorme Verkaufszahlen erreichten, ohne dabei Wurzeln oder Grundüberzeugungen der ursprünglichen Grunge-Bands zu teilen. Die Smashing Pumpkins aus Chicago, die eigentlich eher eine Mischung aus Shoegaze, Artrock, Hardrock und Indierock spielten, wurden mit ihrem Durchbruchsalbum "Siamese Dream" von 1993 ebenso unter dem Begriff Grunge subsumiert wie die mit "Core" von 1992 durchgestarteten Stone Temple Pilots aus San Diego, deren Sänger Scott Weiland bald als einer der ersten "Vedder-Staley-Kopisten" geschmäht wurde. Dem Versuch der Teenager-Presse, die Protagonisten Kurt Cobain oder Eddie Vedder als neue Generation von "Posterboys" zu vereinnahmen, begegneten diese mit Ablehnung, die sich in Verweigerung bis hin zu exzessivem Drogenmissbrauch äußerte. Filme wie Cameron Crowes Beziehungskomödie Singles zeigten Seattle als "the coolest place in the known universe" und sorgten mit dem Nachziehen Tausender Bands und Musiker, die ebenfalls auf ihren großen Durchbruch hofften, für eine starke und unwiderrufliche Veränderung der Stadt und ihrer Musikszene. Bis 1994 war der musikalische Underground von Seattle nahezu komplett vom Mainstream aufgesogen und mit dem Genre Alternative Rock schließlich in eine Schublade gesteckt worden, die sich direkt neben dem Corporate Rock befand, gegen den man ursprünglich angetreten war.

Kurt Cobains Tod und Niedergang des Grunge (1994 bis 1997)

Alice in Chains-Sänger Layne Staley (1967–2002)

Die Grunge-Ära erlebte ihre Katastrophe mit dem Selbstmord von Nirvana-Frontmann Kurt Cobain im April 1994, was das Ende seiner Band und den Niedergang der gesamten Musikrichtung nach sich zog. Während Pearl Jam weiter in Verweigerungshaltung verharrten und mit "Vitalogy" ein äußerst sperriges Werk veröffentlichten, wurden Alice in Chains zunehmend von Layne Staleys Drogensucht und der dadurch entfallenen Livepräsenz gelähmt, auch wenn die EP "Jar of Flies" und die vorerst letzte Studio-LP "Alice in Chains" von 1995 noch einmal erfolgreich wurden. Lediglich Soundgarden gelang mit ihrem vierten Album "Superunknown", das kurz vor Cobains Selbstmord erschien, und der Hitsingle Black Hole Sun noch einmal ein großer Erfolg. Der Nachfolger "Down on the Upside" von 1996 litt jedoch unter zunehmend schlechter Bandchemie, was schließlich in der Auflösung der Band im Frühjahr 1997 resultierte. (Sänger Chris Cornell begann eine wenig erfolgreiche Solokarriere und gründete später mit den Resten von Rage Against the Machine die Supergroup Audioslave, die in den 2000ern Millionen von Platten verkaufen sollte.) Auch die Screaming Trees zogen die Konsequenzen und lösten sich 2000 auf, nachdem ihr letzter Longplayer "Dust" von 1996 nicht den erhofften Durchbruch gebracht hatte. Layne Staley schließlich starb 2002 an den Folgen seiner Drogensucht, was bis auf weiteres das Ende von Alice in Chains bedeutete, die allerdings ohnehin schon seit Jahren keine Musik mehr zusammen gemacht hatten.

2011 seit zwanzig Jahren dabei: Pearl Jam

In Folge des Niedergangs des Grunge verlor auch die Mainstream-Öffentlichkeit das Interesse an der "Seattle-Szene" und wandte sich neuen musikalischen Moden zu. Damit einhergehend verloren zahlreiche der kommerziell weniger erfolgreichen Grunge-Gruppen ihren Major-Deal, veränderten ihren Stil oder lösten sich ganz auf. Von den "Big Four" genannten Bands Nirvana, Alice in Chains, Soundgarden und Pearl Jam überstanden nur die Letztgenannten das Ende des Hypes ohne Auflösung oder Tod eines Bandmitglieds, bezahlten ihre antikommerzielle Haltung allerdings mit stark sinkenden Verkaufszahlen. Alte Recken wie Mudhoney oder die Melvins hingegen, die stets eine ironische Distanz zum Grunge-Trubel gehalten hatten, sind auch heute noch weiter aktiv. Ausgerechnet die ewigen Parias der Grunge-Szene, die Stone Temple Pilots, sind trotz diverser zwischenzeitlicher Auflösungen sowie der notorischen Unzuverlässigkeit und Drogenaffinität ihres Sängers Scott Weiland ebenfalls weiterhin zusammen.

Post-Grunge und Wiedervereinigungen (seit 1997)

Das musikalische Erbe des Grunge traten ab Mitte der 1990er die Genres des Post-Grunge und des Alternative Rock an, deren Vertreter Silverchair, Bush, Creed, Puddle of Mudd, 3 Doors Down oder Nickelback mit ihrem eng an die großen Vorbilder angelehnten Sound zwar ebenfalls phänomenale Verkaufszahlen erreichten, dabei allerdings nicht über die Glaubwürdigkeit oder Authentizität der "Originale" verfügten. Insbesondere die Frontmänner der genannten Bands verzettelten sich zumeist im Spagat zwischen großer Rockpose und Alternativ-Image. Darüber hinaus öffnete die durch Grunge erfolgte unumkehrbare Vermischung von Musik-Underground und Mainstream aber auch vielen weiteren Genres neue Möglichkeiten, und populäre Stilrichtungen der späten Neunziger und frühen 2000er wie das Punk-Revival mit Green Day und The Offspring oder auch der New Metal-Boom verdankten ihre Millionenverkäufe der neuen breiten Akzeptanz alternativer Rockentwürfe.

Seit Mitte der 2000er haben sich aber auch klassische Grungebands wie Alice in Chains, die seit 2005 mit dem neuen Sänger William DuVall aktiv sind und 2009 ihr neues, Layne Staley gewidmetes Album "Black Gives Way to Blue" herausbrachten, oder Soundgarden (die sich 1997 aufgelöst hatten und seit 2010 wieder aktiv sind) wieder vereinigt und den "Original-Grunge" wieder zu einem Thema gemacht. 2008 feierten Sub Pop ihr zwanzigjähriges Bestehen, wobei es zu teils einmaligen Wiedervereinigungen klassischer Acts wie Green River oder Love Battery kam, und als 2011 die zwanzigjährigen Veröffentlichungsjubiläen von "Nevermind" und "Ten" anstanden, war ebenfalls wieder viel vom Erbe des Kurt Cobain zu hören, zu lesen und zu sehen.

Hintergundinformationen / Wichtiges

Wichtige Vertreter

Wichtige Platten

Wichtige Songs

Wichtige Labels

Sub Pop, C/Z Records, Popllama, SST

Listen

Literatur

  • Clark Humphrey: Loser. The Real Seattle Story, Feral House 1995.
  • Greg Prato: Grunge Is Dead. The Oral History of the Seattle Music Scene, ECW 2009.
  • Stephen Tow: The Strangest Tribe. How a Group of Seattle Rock Bands Invented Grunge, Sasquatch Books 2011.

Medien

  • Die definitive Filmdokumentation zum Thema: Hype!
  • Spielfilm zum Genre: Singles

Weblinks

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