Ca Trù

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Der Ca Trù (auch hát ả đào oder hát nói; der Zahlkartengesang – ca = singen, trù = Plättchen in Kartenform mit gravierten Ideogrammen) ist eine Kammermusik, später auch höfische Musik aus Nordvietnam, die zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert besonders in Nordvietnam in Zusammenhang mit der Entwicklung der dàn dáy (einer Lautenform) populär wurde.[1] Der Ca Trù ist seit 2009 Teil des Weltkulturerbes der Menschheit und wurde in einer Reihe von Dörfern um das Dorf Lô Khê herum ins Leben gerufen.[2] Die bekanntesten Interpreten sind das Ca Trù Thái Hà Ensemble (Hanoi).

Hintergrund

Der Name referiert auf eine Tradition, derzufolge der Vortrag der Lieder dem Publikum (ehemals: den von der Arbeit zurückkehrenden Männern) die Gelegenheit gab, mittels kleiner oft aufwendig gestalteter Holzplättchen (trù) die Bemühungen vor allem der Sängerin zu honorieren, die Karten wurden anschließend zu Geld gemacht. Während die Musik sich in dörflichen Kontexten in den Hochebenen Nordvietnams entwickelt hat, wird sie heutzutage hauptsächlich in Hanoi und dort im renommierten Thang Long Club[3] aufgeführt. In kleineren, auch dörflichen Kontexten klappert das Publikum zur Ankündigung von Geld-Gaben für besonders schönen Vortrag, oft während des Vortrags mit den gefächerten Holzkärtchen in den Händen, die dann nach dem Vortrag verteilt werden.

Das Alter der Sängerin spielt keine Rolle, Kinder üben sich bereits im Ca Trù wie auch alte Frauen den Ca Trù vortragen. Das ist typisch für eine musikalische Tradition, die hauptsächlich in familiären Zusammenhängen von Generation zu Generation weitergetragen, also vor allem mündlich vermittelt wird. Erst seit kurzer Zeit gibt es anscheinend eine Öffnung in dieser Hinsicht, die jungen Mädchen aus den Familien haben anscheinend weniger Lust auf das Erlernen dieser Musiktradition. Die Sängerin ist gehalten, ihren Vortrag äußerlich möglichst ungerührt zu halten, ein Spezifikum höfischer Musik – der Ca Trù wurde auch in höfischen Kontexten gepflegt. Vom kommunistischen Regime der Republik Vietnam wurde er nach 1945 mit vorrevolutionärer Korruption in Zusammenhang gebracht, im Prostitutionsmilieu verortet und strikt verboten, bis das Vorgehen gegen Ca-Trù-Veranstaltungen und -MusikerInnen Anfang der 90er Jahre vorsichtig relativiert wurde. Viele Ca-Trù Sängerinnen sollen in der Tat Beziehungen zu Beamten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterhalten haben, die das hohe Bildungsniveau der Sängerinnen schätzten.

Ensemble

In seiner Grundform besteht ein Ensemble aus einer Sängerin, einem Lautenspieler und einem Zuschauer, der wie die anderen dem Publikum zugewandt sitzt.

Stimme

Die Hauptgesangstechnik die zum Einsatz kommt nennt sich internal breathing (hoi trong) und verweist auf die Involvierung der Nasenhöhlen bei vielen Artikulationen. Für die charakteristischen stotterartigen Verzierungen / Ornamente am Ende einer Phrase wird eine Technik angewendet, auf die sich die Sängerinnen als Nây oder Nây hat beziehen – der Hat do hot (Gesang trauriger Perlen). Das ist eine Art von Vibration des Kehlkopfes, die bewirken soll, dass schnelle kurze Kopfstimmenpassagen nicht zur vollen Reife gelangen. Auf diese Weise ist das Timbre der ungekünstelten Sprechstimme gerade als hochreflektierte Technik im virtuosen Gesangsverlauf stark exponiert. Die erfahrensten Ca-Trù-Sängerinnen, so scheint es, haben Anzeichen äußerlicher Rührung immer weiter sublimiert und die Artikulationen soweit dem Gesang integriert, dass sie kaum noch mimische oder Rührung durch Kopfbewegung zeigen, ein Spezifikum höfischer Musik nicht nur im vietnamesisch dominierten Teil Asiens, so zum Beispiel hier:

Hát ca trù: Hương Sơn phong cảnh - Đào nương Vân Mai (ohne Jahr) bei Youtube

Es gibt vier Hauptkriterien, die für die Sängerinnen von Belang sind: 1) die Worte rund und schön singen, 2) saubere Artikulation, 3) „messerscharfes phách-spiel“,[4] 4) Rhythmusfestigkeit

Bambusarrangement

Die Sängerin spielt das phách, das ist ein Ideophon in Form eines Bambusstabs, der mit einem zylindrischen Klöppel in der linken Hand (phách cai) und zwei halbzylindrischen in der rechten (phách con) geschlagen wird. Das in rascher rhythmischer Folge mit vielen Einzelheiten, was die Anschlagsdynamik und die Anschlagswinkel betrifft. Folgende Techniken wurden mit der Zeit ausdifferenziert:

  • chinh diên frontal geradeaus
  • xuyên tâm das Herz rührend
  • lac nhan wilde Gänse jagen sich am Himmel
  • thùy chau eine Perle halten
  • song châu zwei Perlen, zwei Tränen
  • hama runterkommen
  • Thuong ma aufs Pferd steigen – lange und laute Passagen (kho don, kho xép) für emotionale Wendungen

Laute

Bei der Laute handelt es sich um eine dreisaitige, in Quarten gestimmte dàn dáy, die mit einem Plektrum gespielt wird und fast ausschließlich im Ca Trù zum Einsatz kommt. Die dàn dáy wurde zeitgleich zum Ca Trù entwickelt oder populär. Der Lautenspieler kann zusätzlich zur einfachen Begleitung auf eine Sammlung von melodischen Grundformeln zurückgreifen, um ein Spiel zu eröffnen, zu beschließen oder mit kurzen Zwischenspielen (in Form von Durchgangsnoten) zu versehen. Er soll den Gesang schmücken, verzieren.

Praise Drum

Ein Spectator, Zuschauer, ist Spieler der sogenannten Praise Drum (trống chầu), eines 16 x 25 cm-Membranophons, das mit wenigen entschlossenen kurzen Anschlägen mit einem elastischen Stab geschlagen wird und je nach Art wie sie geschlagen wird, eine Lobpreisung oder einen Verriss der Fertigkeiten der Sängerin bedeutet. Das Spielen der Trommel wurde ehemals spontan von Zuhörern übernommen, die sich mit den Regeln des Ca Trù auskannten. Inzwischen wird aber, wahrscheinlich auch weil der Rahmen international und professioneller geworden ist, der Spieler zumeist aus den Reihen der Musiker rekrutiert. Er hat die Wahl zwischen zwei Grundschlägen und deren Variation, chác und tom (das werden Lautbilder sein).

Musik

Texte

Bei den Texten geht es oft um Liebe, dementsprechend wird der Ca Trù dem Frühling zugeordnet. Oft geht es aber auch um unerfüllte Liebe.

Modi und Module

Es gibt fünf Grundmodi (Cung) für Gesang und Instrumente, was die Prosodien (das Zusammenwirken von Rhythmus und Betonung, Akzenten, Pausen etc.) betrifft. Vielfach kommt bei den Stücken ein Grundreservoir von Modulen zum Einsatz, eine Sammlung traditioneller musikalischer Formeln, auf die bei den Kompositionen zurückgegriffen wird: "Ca trù has fifty-six different musical forms or melodies, each of which is called thể cách."[5] Eine thê umreißt Modus, Tempo, Grundmelodie und Singweise.

Stile

Ca Trù ca dam (Gegenwart). Es gibt etwa 40 unterschiedliche Stile. Der Ca Trù wird zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten praktiziert und aufgeführt, von privaten Festen und Anlässen bis hin zu religiösen Zeremonien, zur Unterhaltung und zum Austausch zwischen Musikern, dementsprechend viele Formen gibt es.

Ca Trù in der Popmusik

Der Begriff Ca Trù ist in Vietnam als Modewort und Teil der vietnamesischen Popkultur inzwischen soweit verallgemeinert, dass er fast jede Art der romantischen Popmusikproduktion in Vietnam umfasst, wie es scheint. Die en.wiki berichtet über diverse Zugriffe der vietnamesischen Popmusik auf den Ca Trù (im Abschnitt Videos ein Beispiel).[6] Interessanterweise sind Verbindungen und geradezu motivische Übereinstimmungen mit dem frühen Blues und auch frühen Country auszumachen, so auch Yves Defrance in Bezug auf den Blues.[7]

Siehe auch

Yayue

Film / Videos

  • Mê thao - Thoi vang bong [5] Spielfilm zum Thema von 2002, bei IMDb

Diskografie

  • Vietnam – Musiques vocales des plaines du nord / Ca Trù – Hát Chêo – Quan Ho [6] (VDE-Gallo, 2006) bei amazon 24.99 €
  • The Hanoi Ca Trù Thái Hà Ensemble – The Music of North Vietnam [7] bei amazon mit Hörproben

Literatur

  • Nguyễn Đức Mậu: Ca trù Hà Nội trong lịch sử và hiện tại
  • ders.: Poem in Ca Trù: Type, Structure, Content (als Download bei Iseas.kr, en)

Einzelnachweise

  1. In manchen Quellen wird die Entstehung des Ca Trù bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgt. Die ältesten erhaltenen Kompositionen stammen von Lê Duc Mao (1462-1529).
  2. Ca Trù [1] bei der UNESCO. Mit der Identifikation des Ca Trù bei der UNESCO sollen die mangelnden finanziellen Ressourcen bereitgestellt werden, um den gefährdeten Ca Trù zu erhalten. Die Identifikation selbst ist mit 30 bis 40.000 € dotiert, ein nachhaltig Vielfaches dürfte durch die weltweite Aufmerksamkeit an Gewinnen eingebracht werden, geradezu unschätzbar ist der kulturelle und auch informationelle Gewinn.
  3. Thang Long Club [2] bei Facebook
  4. Booklet zur VDE-Gallo CD (Yves Defrance), siehe Diskografie
  5. "Identification" durch die UNESCO [3] bei der UNESCO
  6. Artikel Ca Trù [4] bei der en.wiki
  7. Booklet zur VDE-Gallo CD (siehe Diskografie)

Weblinks

  • CD-Booklet mit Abbildungen und Erklärungen zum Hanoi Thái Hà Ensemble. Zum Durchblättern (fr, en) [8] bei Calameo
  • Phim tài liệu – "Ca trù Lỗ Khê. Đoạn trường sênh phách" (2014) [9] vnm., Dokumentation über Ca Trú in Lo Khe.

Links im November 2017.